Cover: Marjaleena Lembcke; Der Löwenanteil

Eine Einladung zur Geburtstagsfeier des Löwen schwirrt in die Behausung der Spitzmäuse: Eine große Ehre, findet der selbstverliebte Herr Spitzmaus. Seine realitätsbewusste Frau traut der Sache nicht so recht. Trotzdem gehen beide mit einem selbstgemachten Blumengesteck auf das rauschende Fest. Dort haben sie allerdings Mühe, nicht im Tohuwabohu unterzugehen, was Herr Spitzmaus nicht zur Kenntnis nimmt: „Es ist schon gewaltig, überwältigend, großartig, wie der Löwe seinen Geburtstag zu feiern versteht.“ Als sich der Verdacht erhärtet, als Speise statt als Speisegast eingeladen zu sein, ergreifen die Mäuse die Flucht. Auf dem Heimweg entdecken sie eine drohende Feuer-Gefahr, kehren mutig zum Fest zurück und retten durch ihre Warnung die Tiere. Den mutigen Rettern bleibt aus hier

(bewusst) nicht genannten Gründen, die berechtigte Anerkennung versagt. Darüber ist Herr Spitzmaus tief enttäuscht, im Gegensatz zu seiner Frau: „Wir wissen es. Das reicht doch.“ Auf der nächsten Geburtstagsparty ‒ im kleineren Mäuseformat ‒ gelingt es Herrn Spitzmaus jedoch mit seiner Heldengeschichte „einen Löwenanteil“ zur Unterhaltung beizutragen. Lembckes vergnüglich zu lesender Text nutzt Elemente aus Asops Fabeln („Der Löwe und das Mäuschen“, „Der kranke Löwe“, „Der Löwenanteil“) und kreiert daraus ein modernes Gleichnis rund um Eitelkeit, überzogene Erwartungen und eingeschränkten Realitätssinn. Der freie Umgang mit „klassischen“ Fabelcharakteren führt zu unerwartet-komischen Wendungen, gestützt durch ironische Anspielungen bekannter Redewendungen: „Man muss die Feste feiern, so laut sie kommen!“ Im Text ausgesparte Informationen finden sich phantasievoll gestaltet in den farbintensiven, humorvollen Bildcollagen wieder: z. B. ist Herrn Spitzmaus̀ gestotterte Löwenansprache auf zerrissenen Papierstreifen zu lesen. Die Illustrationen bestehen aus abstrahiert-verfremdeten Pflanzendetails,  Alltagsgegenständen und vielen Tierdarstellungen. Größenverhältnisse und Überlagerungen aller Bildelemente spiegeln das Durcheinander der Party. Wenn es im Text lapidar heißt, es habe sich als schwierig erwiesen, mit den Gästen ins Gespräch zu kommen, stehen die Mäuschen auf einer Leiter am Giraffenbein …

Für die Beschäftigung mit diesem geistreichen Kinderbuch bietet sich eine vergleichende Fabel-Lektüre an. Welche Konsequenzen haben Veränderungen von Charakteren und Sprachanspielungen auf die Textbotschaft? Warum interpretieren Figuren das Geschehen verschieden und was hat das mit ihren jeweiligen Charakteren bzw. ihrem Selbstverständnis zu tun?

Sarah van der Heusen