Cover: Marita de Sterck; Zuletzt die Hunde

„Der Epileptiker begibt sich vom Niveau eines zivilisierten Menschen herab auf das des Primitiven, auf das eines Tieres.“ So der medizinische Kenntnisstand im Jahre 1917. Vom Wahnsinn des Ersten Weltkrieges streng abgeschottet, lebt der 17-jährige Victor im von Deutschen besetzten Mechelen in Belgien. Victor leidet unter Fallsucht, Epilepsie. Seine überbesorgte Familie sucht jegliche Anfall auslösende Aufregung zu vermeiden. Victor muss Diät halten, darf das Haus nicht verlassen, nur zwei Stunden am Tag lesen. Die spannenden Bücher Jules Vernes liest er heimlich. Einziger Lichtblick im Verbote-Alltag ist Hund Django, der Victor schützt, wenn dieser aus der Welt fällt. Als Django eines Tages weg ist, gibt es für Victor kein Halten: Er macht sich auf die Suche nach seinem Freund, stürzt sich in die Wirklichkeit. Was er erlebt, ist erschütternd, ungeheuerlich … Victor sieht Gräuel, Erbarmungslosigkeit, erfährt aber auch Hilfe, Güte, Solidarität, z. B. von der Frau mit dem Bart, einer geschundenen Lumpensammlerin, deren Leben von einer Bombe zerfetzt wurde. Bei seiner Rückkehr nach Hause ist Victor ein anderer, hat seine Naivität verloren, ist gereift. Mutig klagt er Vater und Lehrer der Mitverantwortung am Wahnsinn des Krieges und am sinnlosen Tod des Bruders an.

De Stercks eindringlicher, düsterer, formenvielfältiger Antikriegs- und Entwicklungsroman erzählt sieben Tage aus Victors Leben. Vorangestellt ist ein Prolog beim Hundeschlachter, das Buch erschien 2009 unter dem Titel „De Hondeneters“ („Die Hundeesser“). Aufbruch, Reise, Reifung und Rückkehr, personal erzählt und mittels vieler Dialoge nachvollziehbar, werden mit sorgfältig recherchierten historischen Fakten und Dokumenten angereichert. Auch Lieder, Briefe, Gedichte und flämische Sagen flicht de Sterck in die Handlung ein. Besonders beeindruckt Viktors Froschperspektive auf die Welt, jeweils nach einem epileptischen Anfall. Das skurrile, ungewöhnliche Figurenensemble lehnt sich partiell an die griechische Mythologie an. So wird Victor vom sirenenartigen Gesang dreier Katzen tötender Mädchen angezogen oder überquert einen Fluss mit Hilfe eines an Charon erinnernden Fährmanns. Die raue Winterlandschaft, die Victor durchwandert, erinnert an Gemälde von Pieter Brueghel. Nicht nur hier gewinnt der spannungsreiche Text filmische Qualität. Insgesamt ein sehr gelungener Roman, der nicht zuletzt die Frage aufwirft, wer hier eigentlich „Mensch“ und wer „Tier“ ist. Nachdrücklich empfohlen!

Kathrin Buchmann / Thomas Müller