Die 12-jährige Samaa lebt in der Wüste und will nicht – wie die Frauen ihres Stammes – ihr „Leben damit verbringen, Stoffe zu weben oder Lebensmittel zu verteilen“. Sie will – wie der verstorbene Vater – Baumjäger werden: das knapper werdende „Olts“ in den Dolinen jagen, von dessen Erlös Protein-Gels, Nahrungsriegel und Sauerstoff in Flaschen kaufen, zum Überleben beitragen. Die zahnlose „Alte im (Todes)Zelt“ faselt zwar von heilender Rinde, essbaren Früchten und Inxeten, aber das ist für Samaa „Bla bla bla“. Als sie eines Tages heimlich den Jägern folgt, stürzt sie in eine Doline und verletzt sich. Aber dort sieht sie erstmals einen „heilen“ Baum, Inxeten und eine Quelle. In Zwiesprache mit der Natur lernt Samaa von ihr und übt Überleben. Aber die Sehnsucht nach der Mutter und gescheiterte Versuche, die Doline zu verlassen, stürzen Samaa in tiefe Verzweiflung. Auch geht der Proviant zu Ende. Hilft ihr die Entdeckung der kleinen grünen Baumschoten?

Pavlenkos Kritik an der Ausbeutung natürlicher Ressourcen, der Umweltzerstörung, damit verbundenem Klimawandel und tradierten Rollenbildern in patriarchalen Kulturen spielt in einer fiktiven Zukunft. Jedoch sind aktuelle Analogien überdeutlich (z. B. Arm-Reich- bzw. Stadt-Land-Gefälle, ungleiche Chancen auf Bildung, ungerechter Wasserzugang, chemisch verseuchte Nahrung, Hungerkatastrophen). Samaas Überlebenskampf bis hin zu Todesnähe, gespiegelt durch kürzer werdende Kapitel und Wortfetzen der willensstarken und gleichzeitig sensiblen Ich-Erzählerin sind als Menschheits-Gleichnis zu verstehen. Aber die Dystopie endet nicht in der Katastrophe. Samaa wird gefunden und bringt ihrem Volk Baumsamen nebst Erfahrungen mit. In diesem Kontext thematisiert die französische Autorin, die lange in Jordanien gelebt hat, auch die generationsweise Weitergabe von Wissen. Für diese Botschaft stehen die „Alte“, die Intention des Vaters, Samaa lesen zu lehren und auch Pavlenkos Rahmenerzählung. In letzterer treffen sich alle zehn Jahre Samaas Nachfahren, um deren Geschichte zu lesen. Offenbar hatte diese damals ihre Abenteuer in der Doline, das Finden der Samen, die Aufzuchtversuche und das Bäumepflanzen aufgeschrieben.

Für eine Buchvorstellung bieten Prolog und Epilog aufgrund der Draufsicht auf die Heldin reichlich Gesprächsstoff über Samaas Persönlichkeit und machen auf deren folgenreiche Abenteuer neugierig. Überdies vermittelt sich Pavlenkos bildstarke Erzählweise, welche atmosphärisch das Buch bestimmt und gleichermaßen Emotion und Verstand anspricht.

(Der Rote Elefant 39, 2021)

Claudia Rouvel