Cover: Margo Lanagan; Seeherzen

„Düster“, „langatmig“, „verwirrend“, so urteilen Jugendliche in Internet über „Seeherzen“. Zugegeben, der Roman macht es ihnen nicht leicht. Sie werden mit einem komplexen Menschenbild konfrontiert, abseits der eigenen Lebenserfahrung. Erzählt wird von Un(ter)bewusstem, Verdrängtem, Archaischem. Der Mensch (er)scheint seiner „Natur“ ausgeliefert, die er im Laufe von Sozialisation zwar gezähmt, aber nicht besiegt hat. Für den Zwiespalt zwischen „Es“ und „Über-Ich“ nutzt die Autorin gleichnishaft den Selkie-Mythos. Sie verortet ihre Geschichte auf einer meerumbrandeten Insel (Rock Island), umlagert von Robbenherden. Die Insulaner bilden eine Zwangsgemeinschaft.

Inzucht, Monotonie und Tristesse befördern eine diffuse Sehnsucht nach Lebendigkeit, auch sexuell. Die Männer kompensieren diese mit verführerischen Robbenfrauen, welche sie sich als Zweitfrauen „im Schrank“ halten. Abgekauft haben sie diese der „Hexe“ Miskaella, einer Außenseiterin, welche die Fähigkeit besitzt, Frauen aus Robbenweibchen zu materialisieren. Später nehmen die Meerfrauen gezwungenermaßen den Platz der beleidigten Ehefrauen ein, welche samt Kindern die Insel verlassen haben. Die Söhne aus den Mischehen – die (noch) landuntauglichen Töchter werden dem Meer zurückgegeben – müssen wiederum die Sehnsucht ihrer „Mums“ nach dem Meer kompensieren. Als einige Jungen die von den Vätern versteckten Robbenfelle ihrer Mütter entdecken, begreifen die Söhne deren Depressionen und der Ich-Erzähler Daniel trifft eine folgenschwere Entscheidung.

Die Faszination des Romans basiert auf dessen Realismus trotz mythischer Grundierung. Lanagan lässt in 7 Kapiteln über einen Zeitraum von ca. 60 Jahren sechs Ich-Erzähler (nur menschliche Figuren), teilweise aus gleichen Familien, zu Wort kommen: Insulaner, Fortgegangene,  Zurückgekehrte … Eine wichtige Stimme gehört der „Hexe“ Miskaella. Die Vielfalt an Perspektiven und das Aufnehmen fallengelassener Erzählfäden fordern eine hohe Konzentration beim Lesen, verleihen dem Roman jedoch eine immense Spannung. Zeitsprünge machen Konsequenzen für das (Zusammen) Leben, auch Wandlungen im Denken und Fühlen der Menschen einsichtig, selbst der Väter. Lanagan legt viele Spuren für aktuelle (Be)Deutungen zivilisatorischer Stufen, hinterfragt Familien- und Rollenbilder, Ich-Findung und Gruppenzwang. „Geübten“ Lesern (Verlagsempfehlung) und solchen, die etwas über das komplexe Wesen „Mensch“ erfahren wollen, sei dieses philosophisch, psychologisch, motivisch und sprachlich ausgefeilte Buch ausdrücklich ans (See)Herz gelegt.

Claudia Rouvel