Die kleine finnische Schäreninsel, auf der Linnea das Wochenende mit ihrer Großmutter Mu verbringt, ist „nicht viel mehr als ein Haufen Steine im Meer mit einer Holzhütte drauf“. So schön Mu die Insel auch findet, Linnea kann ihre Freude nicht teilen. Denn die 11-Jährige trauert um ihre verstorbene beste Freundin Rosa. Doch Rosa ist nicht ganz verschwunden. Auf der Insel spielen die beiden wie früher miteinander: Gemeinsam überleben sie im Wald, sind Meerjungfrauen oder pflegen ein verletztes Fohlen. Auch Mu trägt Verlust in sich: Ihre Lebenspartnerin Tuula wohnt im Pflegeheim und kann sich nicht mehr an sie erinnern. Eine Extremwetterlage verhindert die geplante Abholung von Linnea und Mu. Während ihre Vorräte zur Neige gehen, vertreiben sich die beiden Zeit und Sorgen mit Kunst. Sie bauen Skulpturen aus Treibgut, malen auf Papier und an die Hüttenwand, reimen und nähern sich einander an, bis Sturm und Nebel vorbeiziehen und Rosa nicht mehr wiederkommt …

Mareike Krügel schreibt in ihrem Kinderroman von Trauer, vom Loslassen und von engen Beziehungen zwischen Frauen und Mädchen verschiedener Generationen. Nach einem heiteren Einstieg, der Rosas und Linneas enge Freundschaft verdeutlicht, verlagert sich die Handlung in die Zeit nach Rosas Tod. Linnea ist nach außen wie erstarrt, spricht nicht und geht nicht zur Schule. In ihrer Vorstellung ist Rosa jedoch stets präsent und beide verbringen Stunden im gemeinsamen Spiel.
In acht Kapiteln erzählt Mareike Krügel ruhig und beschreibend-sachlich aus Linneas Perspektive von acht Tagen auf der Insel. Mit dem einsetzenden Sturm ist Linnea mehr und mehr in der Lage, über ihre Unruhe, Angst und ihren Schmerz zu sprechen. Mu fasst in Worte, was Linnea nur undeutlich spürte: „Sie hatte ein Loch im Leib, durch das der Wind wehte, und so ein Loch machte einen kalt und müde.“ Geschichten und Fantasie helfen beiden, sich ihrer Notsituation, aber auch ihrer Trauer zu stellen. Linnea überwindet ihre innere Erstarrung und gewinnt Zuversicht.

In die Handlung sind zahlreiche literarische Bezüge eingewoben, etwa auf Tove Janssons Sommerbuch, Christian Morgensterns Gedichte oder Astrid Lindgrens Werke. Besonders empfehlenswert machen den Roman die tief ausgearbeiteten Figuren und die sensible Gestaltung der Beziehung zwischen Enkelin und Großmutter. Die beiden entwickeln im Verlauf der Geschichte eine zugewandte, von Verständnis geprägte Beziehung auf Augenhöhe, die Streit nicht ausklammert. Die feinen skizzenhaften Bleistiftillustrationen von Anna Schilling, über den Kapiteln und in die Textseiten eingebettet, unterstützen die Ausdruckskraft der Figuren.

Inseltage mit Rosa ist ein außerordentlich einfühlsamer Roman, gleichermaßen für Kinder wie Erwachsene lesenswert. Als Einstieg in das Buch könnten die Illustrationen der Kapitelanfänge zu den Handlungsorten und den handelnden Figuren führen. Das Prolog-Bild von Linnea und Rosa erweitert die bis dahin getroffenen Annahmen.

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