Cover: Marcin Szczygielski, Flügel aus Papier

Wie kann ein Nicht-Zeitzeuge heutigen Lesern von etwas so Unvorstellbarem wie dem Holocaust erzählen? Der polnische Autor des bereits hochkarätig ausgezeichneten Buches erprobte dafür eine ungewöhnliche Form.

Um kindliche Neugier zu wecken, mixte er in seinem zweiteiligen Roman  („Die Zeitmaschine“, „Die Arche“) gründlich recherchierte historische Fakten mit abenteuerlich-phantastischen Elementen auf maßvolle Weise.

Sein achtjähriger Held lebt mit dem Großvater im Warschauer Ghetto. Während der frühere Konzertviolinist im Café und auf Höfen etwas Geld einspielt, führt Rafal den Haushalt. Die bitteren Lebensumstände nimmt der Enkel hin. Auch nach einem Zwangsumzug ist ihm nur wichtig, im dichtbesiedelten Ghetto die Bibliothek zu finden. Als der Großvater Rafal durch eine Helferin aus dem „Bezirk“ schmuggeln lässt, gelangt der Junge nach gefahrvoller Odyssee in den zerstörten Zoo. Dort trifft er auf  Emek und Lidka. Mittels einer von Emek gebauten „Arche“ wollen die drei Kinder zu polnischen Flößern entkommen. Vor dieser Flucht kehrt Rafal noch einmal ins Ghetto zurück, um zu erfahren, ob der Großvater sich retten konnte. Erneut gelingt es ihm aus dem nun fast entvölkerten, aber weiterhin streng bewachten Areal zu entkommen. Der Roman endet auf der Weichsel. Die „Arche“ der Kinder wird beschossen.

Rafal lebt wie jedes Kind im Moment. Was warum geschieht, kann er nicht verstehen. Als leidenschaftlichem Leser jedoch liefern ihm Bücher, insbesondere die Gegenspieler aus H. G. Wells‘ „Zeitmaschine“ (Morlocken = Deutsche, Eloi = Juden) Erklärungsansätze für Erlebtes. Und: Papier verleiht Flügel. So kann Rafal einem Mädchen im Warschau von 2013 begegnen und später auch dem Wells‘schen Protagonisten. Dass diese „Reisen“ in Zukunft und Vergangenheit Rafal helfen, alptraumartige Ängste zu überstehen, ist für heutige Leser empathisch nachvollziehbar. Auch spricht die direkte, unreflektierte Art des Erlebens des kindlichen Ich-Erzählers Vorstellungskraft und Verständnis der Zielgruppe an. Besonders fesselt Rafals stakkatohafte Art, sich Menschen und Orte im Ghetto zu merken. Im „Epilog“ kommt der inzwischen selbst Großvater gewordene Rafal – leicht augenzwinkernd – erneut zu Wort, berichtet u. a. von seiner Rettung und erklärt seiner Frau Lidka eine Ungereimtheit aus der Warschau-Episode 2013. Im „Nachwort“ wiederum imaginiert der Autor eine 1. Leserin und spricht mit ihr über fiktionale Dichtung und historische Wahrheit.

Beide Nachworte thematisieren Beziehungen zwischen Leben, Erzählinstanz und Autor. Jedes Leben sei als Zeitreise zu verstehen und Literatur helfe dabei, papierne Brücken zwischen Zeiten und Menschen zu bauen.

Edda Eska