Cover: Mac Barnett, Sam und Dave graben ein Loch

„Am Montag gruben Sam und Dave ein Loch“, so beginnt die Geschichte. Mit jeweils einer Schirmmütze und einem Spaten ausgestattet und in Begleitung eines kleinen Hundes graben die zwei Jungs drauflos. „Wir graben so lange, bis wir etwas ganz besonders finden.“ Sind damit vielleicht die in der Erde verborgenen Diamanten gemeint, welche die Jungs stets knapp verfehlen? Der kleine Hund ist nah dran, aber die Jungs achten nicht auf ihn. Nur der genaue Betrachter entdeckt das vermeintlich „ganz Besondere“. Nach einem langen, anstrengenden Grabungstag – der Proviant ist auch inzwischen verzehrt – schlafen Sam und Dave tief in der Erde ein. Als sie aufwachen, landen sie auf weichem Boden unweit ihres Hauses. Fast sieht die Welt so aus wie zu Beginn ihres Abenteuers, nur: Der Apfelbaum ist jetzt ein Birnbaum und statt des Wetterhahns zeigt eine Wetterente an, dass der Wind nun in die andere Richtung weht.

Wie in jedem guten Bilderbuch erzählen auch hier die Bilder viel mehr oder manchmal etwas ganz anderes als der Text. Zwischen farblich zurückhaltenden Illustrationen und pointiert verknapptem Text entsteht somit ein besonderes Spannungsverhältnis. Kinder und Erwachsene sind herausgefordert, die Differenzen aufzuspüren, wozu Feingefühl, Scharfsinn und genaue Beobachtungsgabe vonnöten sind. Immer wieder verleitet das in Bild und Text Erzählte dazu, innezuhalten, zu lächeln und über die Ironie des Schicksals nachzusinnen. Was dabei an Fragestellungen herauskommen kann, hat durchaus philosophische Qualität. Kommt es im Leben vielleicht einfach darauf an, sich etwas vorzunehmen, etwas zu unternehmen, etwas zu erleben – und offen dafür zu sein, was dabei herauskommt? Was bedeutet es für das eigene Leben, dass kein Moment dem anderen gleicht und jeder Moment neue Überraschungen birgt? Sind trotz oder gerade durch vermeintliche Verfehlungen wiederum Entdeckungen zu machen, die durchaus zufriedenstellend sein können? Wie auch immer… „Sam und Dave graben ein Loch“ adaptiert und interpretiert die Jahrtausendweisheit „Der Weg ist das Ziel“ auf originelle, humorvolle Weise und bietet damit dem Leser und Betrachter etwas „ganz Besonderes“.

Linda Moog