Wer wünschte sich nicht einmal, die Zeit anzuhalten? Dank ihrer Phantasie hat Liesl diese Fähigkeit, sodass „zwischen Tick und Tack“ die Zeiger der Uhr und damit die Welt für einen unbestimmten Moment still stehen. Tempo und Lautstärke der Stadt verhallen: „Psssssst schwillt an wie ein stilles Meer und verschluckt jeden Laut.“ Für das Mädchen mit den feuerroten langen Haaren beginnt jetzt die Zeit, in der sie Dinge in Ordnung bringen kann, die in der Alltagshektik unbemerkt bleiben. Sie rettet Tiere aus Gefahren, verwandelt eine graue Gasse mittels gemalter Blumen in einen schönen Ort, verstrickt Bibliotheksbesucher in Gespräche über Tigerbücher und schenkt somit den Stadtbewohnern Freude und Geborgenheit.

Das Künstlerduo Greig/Lindsay legt erneut ein komplexes Bilderbuch vor, das in Figuren- und Farbwahl samt graphischen und sprachlichen Besonderheiten Parallelen zu „Wenn die Nacht erwacht“ (RE Nr. 35) aufweist, wobei hier Kontraste wie Schweigen und Lärm, Starre und Bewegung, Farbigkeit und Grau bestimmend sind. Menschen und Tiere, aber auch die Uhrzeiger, färbt Lindsay mit Bunt- und Wachsstiften in kräftigem Rot (vereinzelt auch mit hellem Grün für die Kleidung), sodass diese aus den in Grau und Ocker gehaltenen Häusern und Straßen deutlich hervorleuchten. Bewusst lenkt die so erzeugte Differenz zwischen „roter“ Regsamkeit und „grauer“ Starre den Blick auf die Bedeutsamkeit von Zwischenmenschlichem. Insbesondere die textlosen Doppelseiten am Buchende laden dazu ein, durch Liesl verursachte harmonische Situationen (ein Tigerbuch lesendes Kind im Baum unter einem Vogelnest bzw. Liesel selbst, die den verirrten Hund zum Freund gewonnen hat) emotional auf sich wirken zu lassen.

Greigs poetisch dichter Text wiederum, in unterschiedlich große Lettern gesetzt, spielt bewusst mit Irritationen. Adjektive werden zu Subjekten: „Verloren rollt unter die Bank. Verwirrt wimmert leise.“ Gemeint sind ein verlorener Teddy und ein wimmernder Hund, deren Schicksal im turbulenten Großstadtgeschehen ungesehen bleibt. Manche Irritationen lassen sich auch nach mehrfachem Lesen und Betrachten nicht restlos entschlüsseln, manches bleibt geheimnisvoll entsprechend der Leerstelle zwischen Tick und Tack. Aber gerade diese Leerstelle(n) böte(n) „Spiel“-Räume für assoziative Ideen. Diese könnten bereits bei einem Einstieg in die Bilderbuchgeschichte wirksam werden. Hilfreich wäre dabei die rote Tasche, die Liesl bei sich trägt, während sie durch die stillstehende Stadt saust. Dass sich darin Stifte verbergen, verrät eine Illustration. Was könnte außer den Stiften noch in der Tasche sein? Und was würden Kinder mittels des Tascheninhalts in der Welt zwischen einem Tick und einem Tack verändern?

Annette Wostrak