Roter Elefant

An Leos neuntem Geburtstag 1936 liegt ihm, Elsa und Max unterm Riesenrad „die ganze Welt“ zu Füßen. Nie wollen die drei den Tag vergessen, „an dem sie Könige und Königin von ganz Wien waren“. Ein Foto soll sie zeitlebens daran erinnern. Schon ein Jahr später reißt es das Freundetrio auseinander. Elsas jüdische Familie zieht nach Prag, spätere Stationen sind Theresienstadt und Auschwitz. Max gelangt in den Fußstapfen seines Vaters, eines hohen SS-Funktionärs, über München nach Auschwitz. Leo, dessen in das KZ deportierter Vater Elsa und Max dort wiederbegegnet, gelingt mit seiner Mutter die Flucht nach England. Er ist der einzige des Trios, der die Nazi-Zeit überlebt.

Beginnend mit dem Jahr 1936 setzt Kessler ihren Roman aus einzelnen, mit den Namen der drei Protagonisten überschriebenen Episoden zusammen, wobei in Leos Geschichte Erlebnisse des Vaters der Autorin verarbeitet sind. Für jede der vorzeitig ihre Kindheit verlierenden Figuren entwickelt Kessler dabei einen eigenen, auch psychologisch stimmigen Erzählstil, der Nähe und Distanz ermöglicht: Leo, dem dank einer Zufallsbekanntschaft auf dem Riesenrad die Flucht glückt, erzählt quasi als Ich-Zeitzeuge distanziert rückblickend. Dagegen rücken Elsas Schilderungen aus gleichsam erlebender Ich-Perspektive ihren Leidensweg nah an Leser*innen heran. Für die Darstellung von Max‘ Nazi-„Karriere“ wählte Kessler eine personale Erzählperspektive, die bewirkt, dass anfängliches Mitgefühl in Unbehagen und Unverständnis umschlägt. Als Leitmotiv und Symbol für Trost und Hoffnung durchzieht das Riesenradfoto aus Kindheitstagen alle drei Erzählebenen. Weckt es in Max ab und an fast verschüttetes menschliches Empfinden, bewahren Leo und Elsa es bis zuletzt auf. Die durchweg emphatisch, keineswegs „schwer“ erzählten Episoden um jede Hauptfigur spiegeln in ihren Details die Barbarei des gesamten Systems. Da ist der Schmerz, den Leo angesichts seines kniend die Straße schrubbenden Vaters empfindet, Elsas Ringen um Luft beim Transport in einem Eisenbahnwaggon oder Max‘ zitternde Hände, als er das erste Mal einen Menschen – nämlich Elsa! – erschießen soll. Gerade weil die Szenen mehr und mehr erschüttern, binden sie zunehmend an die Lektüre.

Im Vorwort erläutert Kessler Herangehensweise und aktuelles Anliegen ihres Buches. Der „Warnhinweis“, dass die Geschichte „Erwachsenenthemen“ enthalte und sie zu lesen qualvoll sein könne, ist ernst zu nehmen, sollte angesichts heutigen Rassismus´ aber nicht davon abhalten, junge Leute zu deren Lektüre hinzuführen. Dabei helfen im Anhang aufgeführte Quellen und Lektüretipps, die den Text historisch untersetzen.

 

(Der Rote Elefant 40, 2022)

Edda Eska