„Was mich als Person ausmacht, sind meine Umgangsweisen. Gewohnheiten, Denk- und Verhaltensmuster“: Die 12-jährige Lisa trainiert seit Jahren gemeinsam mit ihrer besten Freundin Lena in einem Turnverein im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Doch ihre Freundschaft beginnt zu bröckeln, als Lena sich anderen Mädchen zuwendet und gemeinsame Routinen ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Gleichzeitig setzt sich Lisa stärker mit ihrem sich verändernden Körper und den Erwartungen auseinander, die an ihn herangetragen werden.

Mit großer Sensibilität erzählt Lias Sinram in seinem Comicdebüt vom Fremdwerden im eigenen „Leib“ und dem Verlust vertrauter Beziehungen. Die Ich-Perspektive eröffnet unmittelbaren Zugang zu Lisas Gedanken und Unsicherheiten. Immer wieder sucht die Protagonistin Lenas Blick und Nähe, während diese sich zunehmend abwendet. Das Motiv der Blicke zieht sich dabei durch die gesamte Graphic Novel und verdeutlicht, wie sehr Selbstwahrnehmung durch andere geprägt wird. Mediale Schönheitsideale und die Anforderungen des Turnsports führen dazu, dass Lisa ihren Körper zunehmend als etwas wahrnimmt, das betrachtet und bewertet wird. Die Vorstellung von Brüsten, so groß wie „saftige Mangos“, oder ihr Unbehagen gegenüber dem beinfreien Wettkampfanzug zeigen, wie früh sie als Mädchen mit normierten Vorstellungen von Weiblichkeit konfrontiert wird.

Auch die Bildgestaltung greift Lisas Verunsicherung auf. Die ausschließlich in Schwarz-, Weiß- und Grautönen gehaltenen Zeichnungen wirken skizzenhaft und beinahe krakelig, Körper erscheinen mitunter unproportioniert, Hände und Arme überzeichnet. Die bewusst unperfekte Ästhetik und die Verwendung von Sinrams eigener Handschrift im Lettering verleihen der Erzählung einen intimen, tagebuchartigen Charakter.

Eine zusätzliche Bedeutungsebene entsteht durch die Verbindung von Turngeschichte und deutscher Vergangenheit. Durch ein Referat erfährt Lisa von Friedrich „Turnvater“ Jahns Mitwirkung an der ersten neuzeitlichen Bücherverbrennung 1817. Die Flammen auf ihrem Turnanzug werden zu einem vieldeutigen Motiv für persönliche Krisen sowie gesellschaftliche Normierung und Ausgrenzung. Mit dem Verlust der Freundschaft endet für Lisa zugleich eine vertraute Sicht auf sich selbst. Dass die Luft am Ende „wie kurz vor dem Regen“ riecht, erscheint dabei als leiser Hoffnungsschimmer. Wird Lisa einen neuen Umgang mit sich selbst und ihrer Umwelt finden?

Das eindrucksvolle Zusammenspiel von Bild und Text nimmt die Unsicherheiten der frühen Pubertät ernst und eröffnet vielfältige Gesprächsanlässe über Freundschaft, Körperbilder und gesellschaftliche Umgangsweisen damit.