Cover: Lara Schützsack; Und auch so bitterkalt

Lucindas „Anwesenheit stellt alles in Frage“, sagt deren kleine Schwester und einzige Vertraute, die Ich-Erzählerin Malina: „Weil sie mehr vom Leben erwartet. Kein leises Summen, sondern ein Dröhnen, kein stetes Licht, sondern ein Blitzgewitter, und immer soll da ein Brennen sein auf der Haut und ganz tief drinnen, damit wir spüren, dass wir am Leben sind.“ Lucinda erklärt Malina die Welt und erzählt vom Nachtland Tenebrien, Exil für alle, die an der gezähmten Erwachsenenwelt zerbrechen. Kalt distanziert nutzt Lucinda aber auch ihre Magersucht, um allen ihren Willen aufzuzwingen – bis zum eigenen, bitteren Ende.

Poetisch dicht und vergleichbar einer Tragödie thematisiert dieses Debüt, wie die Krankheit einer Jugendlichen zwei Familien zerstört: Die eigene und die von Jarvis, der ohne Lucinda nicht leben kann und sich erhängt. Unterteilt ist der Text in „Sommer“, „Herbst“ und „Winter“. Bereits im Sommer wird das Ende angedeutet, etwa durch den ersten Handlungsort, eine Brücke, welche die Schwestern nachts heimlich aufsuchen. Deren Mitte besteht nur aus Holzresten. Dennoch balanciert Jarvis hinüber und zurück – ein geforderter Liebesbeweis. Im Herbst liegt Lucinda allein auf der Brückenmitte, abgezehrt, mit hervorstehenden Schulterblättern wie verkümmerte Flügel. Malina steht hilflos am Rand, durch ihr Schweigen unschuldig schuldig. Auch den Tod der Schwester kann sie nicht benennen, für sie entschwindet Lucinda im Winter samt Koffer durchs Fenster. Anfangs erklärt Lucinda, Erwachsene fürchteten die Unerklärbarkeit der Sterne und würden sie gern gewaltsam entschlüsseln. Am Ende ist Lucinda für Malina ein „Stern, der auf dem Höhepunkt seines Lichts vom Himmel fällt“. Bedeutet Lucinda ‚Die Strahlende‘, ist Malina laut Inuit-Sage die Sonne. Vielleicht findet so auch die Erzählerin im Tageslicht ihren Weg und flüchtet nicht wie Lucinda nach Tenebrien.

Die Wahl der Erzählfigur ermöglicht jugendlichen Lesern eine Distanz zu Lucindas oft grausamer Kompromisslosigkeit. Da die Erzählerin – trotz Empathie – Lucinda nicht (ganz) versteht, entstehen Leerstellen im Text, welche die Leser zum eigenen Nachdenken und Urteilen herausfordern. Zur ambivalenten Wirkung des Textes tragen neben religiös-archaischen Bezügen auch Songs bei, die Lucinda gemäß ihrer seelischen Verfassung hört. Birgt ‚This Magic Moment‘ (Lou Reed) noch Hoffnung, so schwindet diese schnell mit ‚My Body Is a Cage‘ (Arcade Fire). Nach Jarvis‘ Tod hört Lucinda nur noch ‚Common People‘ (Pulp) – ein Geschenk von Jarvis. Eine Track-Liste fungiert als Epilog. Ein außergewöhnliches Porträt über jugendlichen Weltschmerz, ein Roman wie ein Ohrwurm, dessen melancholische Melodie lange nachhallt.

Kristina Vogt