Die Nimmtes-Nimmtes Frau kommt aus dem Nirgendwo und „nimmt“, was ihr nicht gehört. Sie dringt auch in ein Haus ein, das nicht das ihre ist. Der Weg dahin führt durch eine ländliche Gegend mit vielen Blumen, bevölkert von Mäusen und Hühnern. Im Haus, das sich als Bärenhaus entpuppt, verhält sich die Nimmtes-Nimmtes Frau wie Goldlöckchen im bekannten Märchen von den drei Bären. Auch sie nimmt sich Stuhl, Löffel, Suppe und Bett und entflieht nach der Entdeckung durch die Bewohner aus dem Fenster. Nach langem Warten landet sie wieder im Nirgendwo.

Dies könnte die Geschichte sein, aber nicht bei Altmeisterin Kveta Pacovská. „Ein Bilderbuch ist die erste Galerie, die ein Kind besucht“, stellt die Tschechin dem Buch voran. Ihr Anliegen: Kunst sehen und lesen lernen, was Zeit und Geduld verlangt. Auch dieses Buch muss mehrfach betrachtet werden, geradezu erobert. Allein die Bilder erzählen verschiedene Geschichten, die nicht zwangsläufig einen Zusammenhang ergeben, aber jede Doppelseite ist ein ästhetisches Feuerwerk aus Farben, Formen, Stricheleien, Papiersorten-Collagen und Pop-Ups. Vom knallroten Buchdeckel mit der fröhlichen Nimmtes-Nimmtes Frau geht es über viele Seiten mit starken Farbkontrasten, meist rot, schwarz, weiß, manchmal etwas grün und bunt. Nur selten zeigen sich zarte, erdige Töne. Wie schon in früheren Arbeiten verwendet Pacovská geometrische Formen für Figuren und Umfeld, wobei glänzende Spiegelflächen die expressive Wirkung der farbigen Bildseiten noch steigern. In vorliegendes Buch integriert sie verschiedenste Text- und Bildfragmente, darunter Schnipsel und übermalte Notizen aus persönlichen Papieren. Pop-Ups machen das Buch dreidimensional. Der Text fungiert meist als Teil des Bildes und muss in die richtige Reihenfolge gebracht werden. Auf manchen Seiten fehlt er ganz. Auch die Protagonistin macht sich zuweilen rar: eine Suchaufgabe! Am Ende offenbart Pacovská, „Die Nimmtes-Nimmtes Frau“ als Erinnerung an ihre Kindheit und ihr 90-jähriges Leben geschaffen zu haben. Für Erwachsene erschließen sich damit viele Details, welche auf Herkunft, Sprache, Geschichte und gelebtes Leben deuten, darunter das 90 x verwendete Wort „Warten …“. Gleich ihrer Heldin hat wohl auch die Künstlerin im Leben alles (mit)genommen … und wartet nun als 90-Jährige auf das Nirgendwo … Für Kinder gibt es ebenfalls viel zu entdecken, wobei manches Rätsel ungelöst bleiben wird. Aber z. B. lässt sich darüber streiten, ob die Nimmtes-Nimmtes Frau wirklich eine Diebin ist. Und warum sieht sie jedes Mal anders aus? Welche Funktion hat der Schlüssel am Anfang des Buches? Auch das Goldlöckchen-Märchen wäre seitenweise zusammenzusetzen. Nicht zuletzt bietet Pacovská neben einer Schule des Sehens viele Anregungen zum Schnipseln und Kleben in Kombination mit kräftigen Farben und abstrakten Formen. Als Hommage an sie könnte eine kleine Kunst-Galerie entstehen!

Marion Rodenwald