Cover: Klaus Kordon, Joss oder Der Preis der Freiheit

Die Handlung spielt ungefähr zwischen 1806 und 1816, also zur Zeit der Napoleonischen Kriege. Anfangs wird ein verwahrloster und verwirrter, etwa acht Jahre alter Junge im Wald gefunden. Das ist Joss, der seine Geschichte rückblickend erzählt. Eine Bauernfamilie zieht ihn wie das eigene Kind auf, aber der Heranwachsende bleibt eine Art Außenseiter und hat kaum Freunde. Plötzlich verschwindet der 15-jährige Joss aus dem Dorf und schließt sich spontan dem Lützowschen Freikorps an, das Jagd auf versprengte Franzosen macht. So kommt Joss in Berührung mit Krieg und Tod, gewinnt aber auch einen Freund, einen Studenten, der zu den Lützowern gehört. Im Laufe vieler Gespräche wird Joss durch seinen Freund gezwungen, genauer nachzudenken – über die Politik der Fürsten, das Leben der kleinen Leute, den Wahnsinn des Krieges. Hautnah erlebt er die Völkerschlacht bei Leipzig, ein Gemetzel, von dem auch Zeitgenossen wie Jean Paul und E. T. A. Hoffmann voller Entsetzen berichtet haben. Damals blieben Verwundete und Sterbende auf dem Schlachtfeld liegen, bis der Tod sie erlöste. Joss kommt heil davon und besucht noch einmal sein Dorf, aber da er durch den Freund Lesen und Schreiben gelernt hat, geht er am Ende zu einem Buchhändler in die Lehre. Seine Geschichte schrieb Joss auf, um zu erfahren, wie er „zu dem wurde, der ich heute bin.“

Ein Entwicklungsroman also und das Sittengemälde einer Zeit, in der für viele Menschen die alten Strukturen zusammenbrachen. Erst Napoleon gegen alle, dann Napoleon mit Sachsen, Württembergern und Preußen gegen Russland, dann 1813 Preußen und russische Kosaken gegen Napoleon. Letzteres hieß „Befreiungskriege“. Zusätzlich zu Joss‘ Geschichte versucht Kordon in einem Nachwort die komplizierten politischen Verhältnisse zu entwirren und dabei auch Napoleon gerecht zu werden, der in den deutschen Kleinstaaten Anfänge moderner Verwaltung und Rechtsprechung etablierte. Hauptthemen aber bleiben die Schrecken des Krieges, vor allem die Verrohung der Menschen durch Hass und Vorurteil. Dazu werden auch einige der unsäglichen Hetzgedichte Theodor Körners zitiert. Dass Kordon Parallelen zu gegenwärtigen Kriegen und Bürgerkriegen, die von ideologisch motivierten Hasspredigten und Morden begleitet sind, herstellen will, liegt auf der Hand. Historisch macht er deutlich, dass „Der Preis der Freiheit“ damals nur über den Krieg zu haben war. Seine Hauptfigur ist eine Person, die ihre eigenen Erfahrungen macht, bereit ist sich zu verändern, sich Wissen aneignet und damit die Freiheit des eigenen Denkens gewinnen kann.

Rudolf Wenzel