Die 10-jährige Anna ist ein sensibles Kind. Unvermittelt überfällt sie Angst, Angst vor dem Älterwerden. Würde sie dann vergehen wie ein welkes Blatt im Wind? Das Einzige, was sie ablenken kann, sind Bücher. Deshalb geht Anna so oft in die Bibliothek zu Frau Monsen, obwohl die schon fast fünfzig ist. Aber auch die Bibliothekarin und der Lagerist Milton Berg sind in Not. Beide müssen immer wieder Bücher aussortieren, um Platz in den Regalen zu schaffen. Aber ist die Ausleihquote ein Grund für Büchervernichtung? Ein lange nicht ausgeliehenes Buch könnte doch plötzlich für eine Person ganz wichtig werden? Anna hat keine Zeit mehr, übers Altern nachzudenken. Sie muss möglichst viele Bücher ausleihen, um sie vor Vernichtung zu bewahren. Und so fährt Anna eine ganze  Schubkarre voll nach Hause. Sie liest und liest und eigentlich will sie den Figuren in den Büchern das Leben retten. Dann allerdings fehlt in einem Buch, das sie sehr fesselt, das Ende! Diese Leerstelle muss gefüllt werden, von Anna selbst, ihrer Klasse, der ganzen Stadt. Die offenen Fragen weiten sich aus, nach dem Lebensalter, nach der Zukunft, nach dem, was das Leben noch bringen kann. Letztlich schließt sich der Kreis zu Annas Zukunftsangst. Das Ende der Geschichte von Waldemar, der nach dem Tod der Großmutter allein leben muss und angeblich etwas Phantastisches erleben wird, was aber noch auf einem leeren, weißen Blatt steht, versteht Anna letztlich als Gleichnis für ihr eigenes Leben.

Mittels eines überschauenden Erzählers entwickelt der norwegische Autor Klaus Hagerup eine mehrdeutige Geschichte, die in der Botschaft mündet: Wer Bücher rettet, rettet auch sich selbst. Eng verbunden ist damit die Entwicklung der Phantasie, was auch von der Illustratorin aufgenommen wird. Unscharfe Ränder, Farbkleckse inner- und außerhalb der Bilder, Übergänge von realen Situationen in phantastische Szenerien werden zu formalen und inhaltlichen Irritationen. Das Unfertige, Spielerische steht gleichberechtigt neben der Realität. Überdies wirken Bücher, wie Hagerup vermittelt, gemeinschaftsstiftend, initiieren Erzählimpulse, Assoziationen, Kreativität. Ganz praktisch könnten Kinder eigene Ideen für eine Fortsetzung der als „Buch im Buch“ erzählten Waldemar-Geschichten entwickeln oder eben Träume für ihr künftiges Leben: auf weißen Blättern. Ein Buch also, das nicht nur gelesen werden will, sondern auf vielfältige Weise Ideen provoziert und zu deren Gestaltung anregt. Ganz im Sinne von Anna, für die „Träume genauso wahr sind wie die Wirklichkeit.“ Denn: Zukunft ist nicht nur Schicksal, sondern auch Gestaltung.

(Der Rote Elefant 37, 2019)

Claudia Rouvel