Cover: Kirsten John; Gefährliche Kaninchen

Max ist Einzelkind. Seine Eltern, Akademiker, sind ständig intellektuell „unterwegs“. Max sehnt sich nach Nähe und gemeinsamen Ferienaktivitäten. Die geheimnisvolle Höhle am Bach könnte wie im Gameboy-Spiel wilde Tiere beherbergen, aber nur ein paar harmlose Kaninchen hoppeln vorbei … Dann trifft Max auf Leonie. Im Gegensatz zu Max mangelt es Leonie an Ruhe, z. B. zum Lesen, welche sie neben fünf Geschwistern nicht findet. Beider Familien(leben) vergleichend kommt Max zu dem Schluss: „Vielleicht sind wir bei der Geburt vertauscht worden.“ Dem wollen die Kinder abhelfen. Ausgeheckt wird ein ausgeklügelter Familientauschplan in drei Phasen: Kennenlernen, langsames Einnisten, Unsichtbarmachen. Die permanent mit sich beschäftigten Erwachsenen bemerken zunächst nicht, dass die Kinder erst gemeinsam ständig anwesend sind, um dann nach und nach die Plätze zu tauschen. Wie wunderbar ist es z. B. für Leonie neben Max‘ Mutter auf dem Sofa in Ruhe lesen zu können. Doch der fremde Blick auf das jeweils „andere“ Familienleben lässt bisher Verdecktes offen zutage treten: Max‘ Eltern stehen kurz vor der Trennung, Leonies  Patchwork-Familie soll aus der Siedlung gemobbt werden. Aus kindlichem Spiel wird Ernst des Lebens. Für Max und Leonie bedeutet dies, dass aus Traurigkeit und Wut Verständnis für die jeweils eigene Familie erwächst und ihr Entschluss, etwas für alle und damit für sich selbst zu tun.

Die gegensätzlichen Charaktere von Max und Leonie leitet die Autorin psychologisch glaubwürdig aus deren „anderen“ sozialen Lebensverhältnissen her. „Verlieren“ sich die einen im großen, unpersönlichen Haus, hocken die anderen ständig aufeinander, was wiederum einem angemessenen Miteinander zuwiderläuft. Johns Erzählstrategie arbeitet dem Spannungsbogen der Geschichte zu. Weitgehend an Max̀ Perspektive gebunden, auch dessen Gedanken indirekt wiedergebend, verschweigt sie dann und wann als überschauende Erzählerin entscheidende Absichten ihrer Protagonisten und verblüfft die Leser mit unerwarteten Wendungen. Mit Humor, Situationskomik und gelungenen Figurenporträts erzählt Kirsten John von den Schwierigkeiten des Zusammenlebens von Kindern und Eltern, vom Aneinander-Vorbeireden und gegenseitigem Missverstehen, gespiegelt in komisch-absurden Dialogen, z. B. an den Abendbrottischen. Und sie erzählt davon, dass Nähe immer wieder neu hergestellt werden muss. Das titelgebende Leitmotiv der „gefährlichen Kaninchen“ spielt darauf an, dass anfangs manchmal langweilig Erscheinendes, durchaus abenteuerlich werden kann. Das gilt auch für das Lesen selbst, das durchgängig thematisiert wird, einschließlich möglicher Leseinteressen von Jungen und Mädchen. Der unterhaltsam-turbulenten und doch hintergründig ernsten Familiengeschichte sind aufmerksame Leser beiderlei Geschlechts zu wünschen.

Christiane Nowak