Cover: Cilla Jackert, Tausend Sorgen sind zu viel für einen Tag

Was wissen Erwachsene von Kindern? Und was Kinder von der Welt? Die 11-jährige Majken wohnt mit der Mutter in Stockholm. Sie ist ein eigenwilliges, sich ständig beobachtendes, etwas altkluges Kind, das viel nachdenkt: über Klimawandel, Ernährung, Krankheiten und besonders über Gefahren auf der Straße. Alles, was passiert oder passieren könnte, wird mit Mama ausdiskutiert. Eines Tages schleppt Mama – ohne Majken zu fragen – einen dicken, hässlichen Hund an, der dem Namen Schlamper alle Ehre macht. Majken hasst Hunde. Trotzdem überträgt ihr Mama die Verantwortung, was bedeutet: Schlamper muss ab und zu raus, raus auf die gefährliche Straße. Dort trifft Majken auf andere Menschen, die ebenfalls etwas eigenwillig sind, etwa den verschlossenen Calle, der immer allein mit seinem Basketball spielt, oder eine alte Frau, mit der sie über ernsthafte Dinge reden kann, die aber auch so merkwürdige Sachen sagt wie: „Hoffentlich regnet es noch mal, bevor ich sterbe.“

Die Autorin treibt ein subtiles Spiel mit den Lesern. Detailreich schildert sie, gebunden an ihre Hauptfigur, ein scheinbar alltägliches Szenario über eine spannungsreiche Mutter-Tochter-Beziehung, wobei die alleinerziehende Mutter oft weg ist, weil sie ein Restaurant betreibt. Ihrer Hauptfigur gegenüber ist Jackert voller Empathie und schreibt ihr – altersmäßig etwas früh(reif) – Anflüge von Selbstironie zu, z. B. wenn sich Majken beim Ausspinnen kausal verbundener Katastrophen ertappt. Neben aller Situationskomik schwingt jedoch in den Mutter-Tochter-Dialogen stets noch etwas anderes, Hintergründiges mit, das sich nur langsam erschließt. Erst spät erhellt sich, dass Majkens Vater bei einem Verkehrsunfall starb. Und noch später, dass sie als kleines Kind, so klein, dass sie daran keine Erinnerung mehr hat, den Unfall aus dem Fenster selbst beobachtete. Der Vater hatte sich auf der Straße umgedreht, um ihr zu winken und dabei ein Auto übersehen. Dieses Erlebnis ist der wahre Grund für Majkens Ängste, ihre Traurigkeit und zeitweiligen Albträume. Die alte Frau hilft ihr, Abstand zu gewinnen: „Trauer ist nicht gefährlich, wenn man sie zulässt.“

Zurück auf Anfang: Was wissen Erwachsene von Kindern? Was geht in ihnen vor, manchmal gleichzeitig oder schnell wechselnd, eine Mischung von Leichtigkeit und Ernst, von Lebensfreude und Ratlosigkeit. Die Geschichte erzählt von beidem und zwar so selbstverständlich, dass Kinder und Erwachsene verstehen können, um was es eigentlich geht. Der Originaltitel „Dagens katastrofer“ erfasst in diesem Sinne die ernste Bedeutungsebene des Textes präziser als der eher sorglos anmutende deutsche Titel.

Rudolf Wenzel