Cover: Kim Slater, Smart oder Die Welt mit anderen Augen

Ich-Erzähler Kieran entdeckt einen Toten im Fluss. Da dieser ein Obdachloser war, glaubt die Polizei, er sei einfach ins Wasser gefallen. Kieran und die Obdachlose Jean sind jedoch sicher: Es war Mord. Beide leben am „Rand der Mitte“ von Nottingham, wo viele Menschen arbeitslos sind. Dementsprechend sind ihre Umgangsformen. Das Internet vermerkt reichlich „Verbrechensfähnchen“ für Diebstähle, Drogen- und Waffenhandel. Der Asthmatiker Kieran wird als „Downy“ oder „Spasti“ tituliert. Dass der 15-Jährige zudem zurückhaltend-gehemmt wirkt, verwundert nicht. Nach dem Tod des Vaters zog die Mutter beim arbeitsscheuen, gewalttätigen Tony und dessen Sohn ein. Ist sie zwischen zwei Jobs mal zu Hause, versucht sie Kieran zu schützen, wird aber selbst geschlagen. Der Kontakt zur Grandma ist verboten, worunter Kieran sehr leidet. Zum Glück hilft ihm in der Schule Miss Crane, eine empathische Sonderpädagogin, u. a. auch dabei, „seine Sozialkompetenz zu steigern“. Da Kieran Kriminal-Reporter werden will, wozu ihn sein Zeichentalent prädestiniert, macht er sich selbst an die Mordaufklärung. Fragend, notierend und zeichnend nähert er sich der Lösung des Falls. Wichtig dabei sind Kenntnisse aus seiner Lieblingskrimiserie, aber auch das in den Bildern des bewunderten Malers L. S. Lowry vermittelte Menschenbild. Parallel dazu ermittelt er den Aufenthalt seiner Grandma, kommt dahinter, was es mit dem zwielichtigen Wachmann im Obdachlosenheim auf sich hat und gewinnt einen neuen Mitschüler aus Uganda zum Freund. Letztlich überzeugt er auch die ignorante Polizei. Ein Polizist bewertet ihn als den „klügsten Jungen, der ihm in seinem Leben begegnet [sei]. Sehr smart.“

Übersetzt man „smart“ mit „lebensklug“, ist Kieran trefflich charakterisiert. Seine nachvollziehbare Entwicklungsverzögerung vermittelt sich in einem überzeugenden Sprachporträt, das wie die Erzählweise eines 12-13-Jährigen wirkt. Slaters Protagonist duckt sich häufig weg, bestimmt aber damit eigenen und sozialen Widerständen zum Trotz sein Leben. Rückschläge sind ihm Ansporn „anders zu denken“. Diese Haltung wirkt über die konkret erzählte Geschichte hinaus. Das sozialkritisch intendierte Debüt der britischen Autorin nutzt die spannungssichernde Rahmenhandlung „Mordermittlung“ als Aufhänger, um von individuellen und gesellschaftlich determinierten Biographiebrüchen und Überlebensstrategien zu erzählen. Den Obdachlosen (und ihren Geschichten) gibt die Autorin viel Raum. Sie rückt diese durch Kierans Nähe zu ihnen vom „Rand“ ins Zentrum. Bei der Mutter und der Grandma hätte man sich eine ähnliche Sorgfalt gewünscht. Es bleibt zu sehr offen, wie beide trotz Liebe zu Kieran, diesen so allein lassen konnten.

Claudia Rouvel