„Was passiert, wenn du gestorben bist?“ Das fragen sich die eng verbundenen Schwestern Sylvie (12) und Jules (11) seit dem Tod der Mutter und erfinden das Vielleicht-Spiel: „Vielleicht verwandelst du dich in Wald. Vielleicht wirst du zu Sternen. Vielleicht gehst du in eine andere Welt über.“ Sylvie und Jules leben mit dem Vater in einer ländlichen Gegend in Vermont. Obwohl ihnen verboten ist, sich im Wald nahe des Slip, eines gefährlichen Wasserbeckens, aufzuhalten, verschwindet die ständig wegrennende Sylvie dort spurlos. In der „Nach-Sylvie-Zeit“ muss Jules der Frage, was nach dem Tod kommt, allein nachgehen. Doch ist sie wider Erwarten damit nicht allein. Heimlich wird sie von einer Füchsin begleitet, die zeitgleich zu Sylvies Verschwinden geboren wurde. Aber Senna ist keine gewöhnliche Füchsin, sondern ein „Wisserer“ und kann mit dem sagenumwobenen Geschöpf Catamount kommunizieren. Dieses begleitet wiederum den Nachbarjungen Elk, der um seinen im Krieg gefallenen Kameraden Zeke trauert. Jules hört von einer mystischen Grotte, wo man Steine ablegen und Antworten auf wichtige Fragen erhalten kann. Da sie sich mit Steinen bestens auskennt – zwanghaft sortiert sie ihre Sammlung, wenn sie wütend oder traurig ist – begibt sich Jules auf die Suche nach dieser Grotte: für Elk, für Zeke und für sich selbst.

Das reale Ereignisse mit Mythisch-Märchenhaftem verschränkende Kinderbuch „Renn, Senna, Renn“ erzählt vom Schmerz nach dem Tod geliebter Menschen und der Anstrengung, wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Dabei spielen Motive wie Seelenwanderung und Stein(-be)deutungen eine wichtige Rolle. Der Schauplatz „Wald“ erscheint märchengemäß als Durchgangsort, die darin beheimateten Tiere fungieren – wie z. B. in indianischen Mythen – als Begleiter. Das Neben- und Miteinander beider Welten spiegelt sich auch in den zwei Erzählebenen: die eine nahe gebunden an Jules, die andere an Senna. Dabei wirkt die Jules-Perspektive eher psychologisch grundiert, z. B. wenn diese über die Schwester trauert, diese Trauer aber sofort in Wut umschlägt, wenn sie sich vom Verhalten anderer überfordert fühlt. Senna sehen die Autorinnen trotz magischer Kräfte als Teil der Natur, sodass der Blick auf die Füchsin ein eher beobachtender bleibt. Die gewählte Erzählstrategie führt nicht nur zu einer spannungsreichen Lektüre über ein existentielles Thema, sondern fordert auch das Herstellen inhaltlicher Bezüge zwischen den Welten. Überdies fördert sie das Deuten von Gleichnissen bzw. das Erschließen von Symbolen. Am Anfang einer Bucheinführung könnte das „Vielleicht-Spiel“ stehen. Welche Vorstellungen  haben Kinder von dem, was nach dem Tod passiert?

(Der Rote Elefant 37, 2019)

Amelie Fäßler / Red.