Es lebte ein Kind auf den Bäumen
Illustration: Katrin Engelking
56 Seiten
ab 4 Jahren
Schlagwörter: Ich-Findung, Musik

Jutta Richters „Kind auf den Bäumen“ ist nicht nur dem Kindheitsbild, sondern auch der ästhetischen Programmatik der Romantik zutiefst verwandt. Ausdruck dafür ist eine in sich geschlossene Rahmengeschichte, unterbrochen durch Binnentexte, genauer Lieder, die z. T. selbst Geschichten erzählen. Die Lieder können aber auch nur bestimmte Emotionen beschreiben oder/und wirken tröstend. Sie stehen somit in der Tradition der Wiegen- oder Schlaflieder, ebenfalls eine von Romantikern bevorzugte ästhetische Form. Überdies favorisierten diese eine nicht auf das Kind hin geschriebene Literatur, sondern trauten Kinder eigene Auswahl zu.

Trotzdem soll das vorliegende Buch Kindern wärmstens empfohlen werden, gerade weil es – gegen jede Bewahrpädagogik – von einem Kind erzählt, das eine für sich notwendige selbstbewusst-emanzipatorische Entscheidung trifft. Es will nämlich auf dieser Erde nicht mehr bleiben: „da war die Luft zu schwer, da war der Tag zu laut, da war kein Platz für Träume …“. Der Traum vom Fliegen ist schon früh da, schon als das Kind stehen, fallen und laufen lernt. Und er bleibt als Utopie, obwohl das Kind versucht, erdverbundene Beziehungen einzugehen. Diese erweisen sich als instabil, werden zerstört durch Beschränktheit und Eifersucht. Einziger Gefährte bleibt ein alter Teddy ohne Glasaugen, aber der weiß etwas vom Bäumeklettern … Und oben angekommen, ist das Kind dem Himmel schon etwas näher.

Wichtig für die Gesamtausstrahlung des Buches sind unbedingt die Illustrationen, gemalt in einer Mischtechnik aus Acryl und Kreide. Katrin Engelking folgt der romantischen Grundstimmung sowohl farblich (warme Gelb-Orange-Braun und Rottöne, unterbrochen von tiefem Nachtblau und Dunkelgrün) als auch in den Bildausschnitten. Besonders das Bild des geöffneten Fensters mit Blick ins Freie zitiert romantische Maler. Katrin Engelking bleibt ganz dicht an kindlichen Wahrnehmungen, so wenn sie im Wolkenbild S. 53 die im Text benannten Tiere kaum erkennbar einarbeitet, so dass die Betrachter sich erst „einsehen“ müssen oder wenn sie ergänzend zum erzählten Nestbau verschiedene Nestarten sachlich nebeneinander illustriert.