Der Tag, als ich lernte, die Spinnen zu zähmen
96 Seiten
ab 10 Jahren
€ 9,00

Diese psychologisch und ästhetisch überzeugende Novelle über Freundschaft und Verrat endet ambivalent; tragisch für die Verräterin der Freundschaft und hoffnungsvoll für den verratenen Freund. Rainer, denunziert als „Furchendackel“, lässt den Stein sinken, wird nicht gewalttätig, weil die Freundin, die kurze, aber intensive Freundschaft noch einmal beschwört.

Jutta Richter komponiert ihren Text wie ein Rondo. Dazu gehört die Konstituierung einer Rahmenhandlung, die im Sommer beim Aufheben des Steins abbricht und nach der Binnenhandlung variiert wiederaufgegriffen und zum „guten“ (?) Ende geführt wird. Dem Rondo verpflichtet, wiederholen sich auch bestimmte Situationen, Gefühle und Erinnerungen. In einem inneren Monolog werden diese ständig modifiziert montiert und teilweise umgewertet. Die mehrfach gebrochenen Erzählrückblicke korrespondieren mit der Zerrissenheit der Ich-Erzählerin. Bilder dafür sind u. a. die Fluchtfantasien des Kindes (sich-in-Luft-auflösen, die Augen zukneifen, wegfliegen…). Auch dem Märchen entlehnte und nur durch den Freund Rainer zu bewältigende Bewährungssituationen (Bezwingen der Kellerkatze, Gang ins Rattengruselhaus, Zähmung der Spinnen) finden kein „glückliches Ende“, denn die Wohnsiedlung ist kein Märchenland. Der „Dreifaltigkeit“ von Eltern, Nachbarn und katholischer Schule dient das Kind nur als Erziehungsobjekt. Wer als Kind systematisch in seinen Gefühlen (Tierliebe, Freundschaft), Werten (glaubhafte Erwachsene und Gott als Leitfigur) und magischen Weltvorstellungen (Kellerkatzen, Hexen, Schätze) verletzt wird, wem alles „doppelt“ vorkommt (Moral, Wörter, Konsequenzen des eigenen Handelns), kann kein Ich-Gefühl ausbilden, kann sich nur dem Gruppenzwang beugen, um nicht zur Außenseiterin zu werden. An dieser Unausweichlichkeit lassen Episoden und Motive keinen Zweifel. Letztlich steht die – auch sich selbst verratende – Protagonistin mit dem Rücken zur Wand. Erzählperspektivisch wechselt sie vom „Ich“ ins Gruppen-„Wir“.

Die Dichte und Suggestivkraft des Textes verlangen eher eine individuelle Lektüre. Um jedoch in einer Gruppe einen Leseimpuls zu setzen, könnte ein Stein von Hand zu Hand gehen und jeder erinnert sich an eine „Stein“-Episode. Mit Sicherheit ist eine Assoziation dabei, die mit spielerischem Steinewerfen zu tun hat oder den Zusammenhang zwischen Stein und Schmerz anspricht. Die Aufmerksamkeit der Gruppe für das erste Kapitel ist dem Vorlesenden gewiss.