Über den Zorilla weiß niemand etwas im Hafenviertel der großen Stadt. Warum geht er fast nur nachts aus, schweigend und mit hochgestelltem Mantelkragen? Wann kam er und woher? Die Anwohner rätseln über den geheimnisvollen Unbekannten. Und wittern Gefahr! Erst recht, als der Zorilla große Säcke knirschenden Inhalts in seine Behausung trägt und mutmaßlich verdächtiges Baumaterial kauft. Eines Abends folgen die Hafenbewohner dem Fremden, um sich Klarheit zu verschaffen. Hell leuchtende Blitze und starke Hitze schlagen ihnen beim Spionieren durch die Türritzen entgegen. In sicherer Entfernung versteckt, beobachten sie, wie der Zorilla zufrieden lächelnd vor die Tür tritt. Am Tag darauf ist er verschwunden. Die Nachbarn stürmen die verlassene Behausung. „Sie fanden einen Schmelzofen, davor Reste von zerschlagenem Glas und eine riesige seltsame Wanne.“ Außerdem entdeckt einer (mit Sherlock-Holmes-Mütze) ein Buddelschiff. „Hätten sie nur einmal den Zorilla gefragt … oder: Was auch geschah“, so leitet der überschauende Erzähler die letzten textlosen Buchseiten ein. Welche Pläne hatte der Zorilla „geschmiedet“? Jutta Bückers originelles Bilderbuch gibt Berührungsängste, Vorurteile und Angst vor Fremdem auf humorvolle Weise der Lächerlichkeit preis. In leuchtenden Gouache-Farben setzt sie als Gleichnis zur Menschen-Gesellschaft anthropomorphisierte Tiere stimmungsvoll, malerisch-flächig und detailreich ins Bild. Die „große Stadt“ Hamburg, Bückers Studien- und Lebensort, ist an Elbphilharmonie und Stadtwappen unschwer zu erkennen. Satirisch überzeichnet wirkt die Vergnügungsmeile, wo Leuchtreklamen „Die bauchtanzende Sau“ und „Nacktschnecken live“ ankündigen. Ansonsten weht die Regenbogenflagge über scheinbar friedlich-toleranter Koexistenz: Hunde betreiben einen gut sortierten Laden, Affen, Ratten, Tiger, Fuchs, Walross, ein blauhaariger Ziegenbock und ein Schimmel mit rosa Federboa haben ihr Auskommen ‚auf dem Kiez’. Einzig der Zorilla (afrikanischer Marder, sehr menschenscheu, nachtaktiv) wird ausgegrenzt, weil keiner etwas von ihm weiß und deshalb sein Verhalten nicht zu verstehen ist. Entsprechend der Bedrohungsimagination der Tiere und der Nachtaktivität des zum Außenseiter gestempelten Marders sind die Illustrationen bis zu dessen Abreise vorrangig dunkel gehalten. Die wahre Geschichte vom Zorilla bildet dazu einen lichten Gegensatz und eignet sich zur Einführung in die Figur. Was tut sie wofür? Geht von ihr eine Bedrohung aus? Die „dunkle“ Geschichte dagegen böte reichlich Anlässe, um über Verhaltensalternativen ins Gespräch zu kommen.

Sylvia Habermann