Cover: Julie Völk, Stille Nacht, fröhliche Nacht

Eine Weihnachtsgeschichte, die ohne ein einziges Wort davon erzählt, was neben allem Plunder wirklich wichtig ist in den stillen Tagen: das Zusammensein.

Sie beginnt mit Hase und Hirsch, die in trauter Zweisamkeit eine wundersam bunte Karawane bestaunen, die sich durch eine verschneite Landschaft arbeitet. Rätselhaft unförmige Pakete sind auf die Dächer der Autos, die Wohnwagen ziehen, geschnallt. Je näher die Karawane kommt, desto stärker erinnert sie an einen Zirkus. Vorbei an einem wie aus dem Märchen gefallenen Mütterchen vor ihrer Bauernkate, jubeln der Karawane im kleinen Städtchen erfreute Kinder zu. Langsam ist mehr von den Insassen der bunten Autos zu sehen. Es scheinen viele zu sein … und sitzt da im letzten Wohnwagen wirklich ein kleiner Elefant? Am größten ist die Freude dann bei der Ankunft vor einem etwas abseits stehenden Haus mit Reetdach: hier steigt die musizierende, fröhliche und zum Teil auch etwas sonderbare Truppe (ein Mann reist mit Huhn, ein Pferd entsteigt dem Wohnwagen) aus. Ein Mann mit verdächtig hohem Zylinder wird von einem Mädchen zur Begrüßung stürmisch umarmt. Und nun folgt ein höchst eigenwilliges Weihnachtsfest voller Akrobatik, Lebensfreude und Musik. Die Vorbereitungen treffen Kinder, Tiere und Erwachsene gemeinsam. Dabei radeln sie mitunter durchs Haus, hängen von der Decke herunter, dekorieren als menschliche Pyramide übereinander gestapelt den Weihnachtsschmuck oder beschenken ein schüchternes Huhn. Nach dem Festessen mit viel Musik stellt sich sattmüde Zufriedenheit ein. Alle schlummern ineinander verknäuelt selig auf dem Teppich. Natürlich auch das Pferd (perfektes Kopfkissen für alle), der Hase, der sich bei der Anreise so konspirativ hinter einem Schneemann verbarg (nun mit Partner), und der Elefant aus dem letzten Wagen, der war ein Plüschtier.

Julie Völk lässt auf 12 Doppelseiten mit ihren gewohnt filigranen Blei- und Buntstiftzeichnungen eine ganz eigene Welt entstehen, die genau in der Mitte des Buches den Schauplatz wechselt. Nachdem das winterlich kalte Draußen bis hierhin in sanftem Grau und Blau gehalten war, dominieren im warmen, gemütlichen Haus Gelb- und Rottöne. Und nicht nur das: Völk klappt das Haus auf und lässt die Vorderwände einfach verschwinden, als würde sie alle Betrachter*innen einladen, einzutreten und mitzufeiern. Humorvolle Ideen und Anarchie sind dabei durchaus willkommen. Das Buch lässt sich daher gut einsetzen, um mit Kindern über unterschiedliche Weihnachtsbräuche in Familien und anderen Kulturen zu sprechen. Welche Rituale oder Gäste kennt man selbst von zu Hause, und was wird im Buch vielleicht etwas anders als gewohnt gehandhabt?

Dörte Franke