Mit ihrem textlosen Bilderbuchdebüt „Sommer“ nimmt die koreanische Illustratorin Jihyun Kim die Betrachter*innen mit auf eine Reise, die zu Sommerträumen, Waldspaziergängen, Naturbeobachtungen, zum Sonnenbaden und Sternegucken verführt. Mit feinem Pinselstrich und in  zarten graublauen Pastelltönen erzählt sie in 25 vollflächig gestalteten Doppelseiten von einem Kind, das mit den Eltern die Stadt verlässt, um im Haus der Großeltern Urlaub in der Natur zu machen. Angekommen im Landhaus, zeigt sie das Kind beim Betrachten der Familienfotos, bevor sie auf der nächsten Doppelseite dessen Blick aus dem Fenster auf den Weg zum Wald lenkt. Der Spaziergang zum See füllt die folgenden fünf Seiten. Begleitet von seinem Hund streift der Junge durch den benachbarten Wald, gelangt an einen See und springt hinein. Beim Tauchen spielt er mit den Fischen, bis die Sonnenstrahlen an der Wasseroberfläche zum Auftauchen locken. Als die Schatten länger werden, ist es Zeit nach Hause zu gehen, um unter dem  Sternenzelt den Tag ausklingen zu lassen.

Aufbau und damit Erzählweise des Buches nebst Ausstrahlung der Bilder üben beim Betrachten eine fast meditative und soghafte Wirkung aus. Mehrfach zoomt Kim auf Naturphänomene. Allein der Intensität des Sonnenlichts widmet sie eine komplette Doppelseite, wobei sie differenziert mit „Helligkeit“ spielt. Ebenso überzeugt der in schlichter Schönheit dargestellte Sternenhimmel: zahlreiche helle Pünktchen auf dunkelgrauem Grund, davor angeschnitten die Spitzen der Bäume. Detailgenau sind feinblättrige Farne, Bäume und Gräser  festgehalten. Die Illustrationen von der Weite des still daliegenden Sees, vom Augenblick des Eintauchens ins Wasser, von Pflanzen und Fischen auf dem Grund des Sees oder den Reflexionen der Sonnenstrahlen an der Oberfläche verdeutlichen die Begeisterung der Künstlerin für die leisen Momente in der  Natur, die, wie sie im Nachwort schreibt, ein lebendiges Gefühl in ihr  hervorrufen, ein Bewusstsein für das Leben.

Um Reisemotiv und sinnliche Wirkung des Buches vorzubereiten, könnte eine „Hörreise“ mit Stadt- und Naturgeräuschen eine Buchvorstellung einleiten. Welche Geräusche sind wo zu verorten und wohin geht die „Reise“? Vor- und Nachsatz gäben nähere Auskunft zum urbanen Kontrast, zeigt doch der Vorsatz eine dicht besiedelte Stadt mit hohen Häusern und wenig Bäumen, der Nachsatz jedoch vereinzelte kleine Häuser im Wald an einer Wasserkante. Im Laufe der Bildbetrachtungen könnten die sinnlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen des Protagonisten mit denen der Betrachter*innen verglichen werden. Was hört das Kind im Wald? Wie fühlt sich Sonne auf der Haut an? Wie schmeckt Wasser beim Tauchen?

(Der Rote Elefant 39, 2021)

Annette Wostrak