Cover: Reinhard Kleist; Der Boxer ‒ Die wahre Geschichte des Hertzko Haft

„Eines Tages werde ich alles erzählen“ ‒ so der Titel des Buches, das Alan Scott Haft über das Leben seines Vaters schrieb (Verlag Die Werkstatt, Göttingen, 2009). Dieser Satz rahmt Reinhard Kleists, mit dem DJLP 2013 prämierten, graphischen Roman, bestehend aus zwei Binnenteilen und einer Rahmenhandlung. In der Rahmenhandlung lernt der Leser den kleinen Alan kennen. Dieser leidet unter dem jähzornigen, gewalttätigen Vater. Als Alan ihn einmal zu einer fremden, schwer kranken Frau begleiten muss, sieht er den Vater erstmals weinen. Leser und Betrachter aber stockt der Atem angesichts der tragischen Lebensgeschichte von Leah und Hertzko, die sich 1939 ineinander verliebten und erst viele Jahre später mittels eines Suchdienstes wiedergefunden haben.

Im ersten Binnenteil kommt der polnische Jude Hertzko Haft als 14-Jähriger in ein Arbeitslager und später ins KZ. Die traumatischen Erlebnisse, die Kleist in Schwarz-Weiß grob skizziert oder deutlich ausmalt, lassen Hertzko einen „Pakt mit dem Teufel“ schließen: Ein Offizier verspricht, sein Leben zu schonen, wenn er zur allgemeinen Unterhaltung boxt ‒ gegen andere Häftlinge. Ein Überlebenskampf im wahrsten Sinne des Wortes, das Schicksal der Verlierer ist Hertzko klar. Die Grenzen zwischen Opfer, Kollaborateur und Mittäter verschwimmen. Kleists eindringliche Zeichnungen erzeugen eine Ahnung von den damaligen Zuständen, ohne die Beteiligten jedoch zu be- oder gar zu verurteilen.

Im zweiten Binnenteil lebt Hertzko in den USA, nachdem er KZ und mehrere Todesmärsche überlebt hat. Dort sucht er die ersten Jahre unermüdlich nach Leah, von der er durch den Abtransport ins Arbeitslager jäh getrennt wurde. Die Erinnerung an sie jedoch gab ihm immer wieder Kraft und stärkte seinen (Über)Lebenswillen. Damit sie ihn findet, will er als Boxer ins Rampenlicht, aber er scheitert als Boxer, gibt auf, zum ersten Mal in seinem Leben. Selbstaufgabe und die Erlebnisse im KZ liefern eine Erklärung für Jähzorn und Gewalttätigkeit, die Sohn Alan erst versteht, als sein Vater sich ihm im Jahr 2003 offenbart. Reinhard Kleist beweist mit diesem Buch die Stärken einer anspruchsvollen graphic novel. Ganz in der Tradition Will Eisners, dem „Erfinder“ dieser Literaturgattung, erzählt er eine bewegende Geschichte, arbeitet mit erläuternden Texten und Dialogen und vertraut auf die Kraft des Bildes, wenn Worte nicht ausdrücken können, was Menschen widerfährt. Das Nachwort des Journalisten Martin Kraus informiert darüber, dass fast in jedem KZ entsprechende Wettkämpfe stattfanden und stellt ermordete und überlebende Boxer vor, die auf diese Weise um ihr Leben kämpften. Ein mehr als empfehlenswertes Buch, um in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus anhand eines Einzelschicksals ein dunkles Kapitel der Menschheitsgeschichte etwas mehr auszuleuchten.

Frank Kurt Schulz