Cover: Franck Pavloff, Brauner Morgen

Zwei Freunde unterhalten sich. Sie „wollen einfach nur faul sein“ und eine Tasse Kaffee trinken (später holen sie sich auch mal ein Sixpack, sind also wohl Erwachsene). Aber worüber reden sie? Auf Anordnung der Regierung musste der eine seine Katze einschläfern lassen, kurz darauf der andere seinen Hund. Es sind nur noch braune Tiere erlaubt. Eine Zeitung, die das kritisierte, darf nicht mehr erscheinen, die Bibliothek wird von missliebigen Büchern „gesäubert“. Dann ist einer der beiden Freunde verschwunden, verhaftet, und eines Morgens klopft es früh an der Tür des Erzählers, „ich komme ja schon“. Die folgenden Seiten sind braun, nur noch braun.

Der kurze Text, der Verfasser nennt ihn eine Allegorie, wurde 1977 eigens für eine antifaschistische Buchmesse in Frankreich geschrieben, als Manifest gegen die Front National, und verbreitete sich schnell in Millionen von Exemplaren (vergleichbar mit Stéphane Hessels „Indignez vous!“). Es ist ein Text gegen Gleichgültigkeit und Anpassung, für den Widerstand gegen totalitäre Auffassungen und Regimes. Dass die Farbe Braun dafür herhalten muss, verdankt sich den deutschen „Braunhemden“, der Sturmabteilung (SA) der NSDAP, in Italien waren es Mussolinis Schwarzhemden. „Braun“ gilt inzwischen als Symbol für eine Gesinnung, die politisch als nationalistisch und rechtsextrem gekennzeichnet werden kann.

Die aktuelle Veröffentlichung des Textes erhielt ihren eindrucksvollen visuellen Charakter durch die Bilder des Graffiti-Künstlers C215 (d. i. Christian Guémy). Seine in der ganzen Welt verbreiteten Arbeiten, die meist Personen und Gesichter darstellen, schaffen ein beklemmendes Milieu von Bedrohung und Angst. Die formalen und farblichen Mittel sind intensiv und oft aggressiv, sie scheinen ihre Herkunft in Alpträumen zu haben. Obwohl die Bilder nicht eigens für den Text geschaffen wurden, geht beides symbiotisch ineinander über, alles bleibt auf der Netzhaut und im Kopf. Die Botschaft lautet. „Wehrt euch! Achtet auf die kleinen Anzeichen, wacht nicht erst auf, wenn es zu spät ist!“

Das Buch kann eine politische Diskussion anregen, aber genauso gut eine ästhetische: Welches Beziehungssystem besteht zwischen Text und Bild? Was könnten Autor und Künstler gemeinsam haben?

Rudolf Wenzel