Cover: Jürg Schubiger; Der Wind hat Geburtstag

Laut Schubiger sollten große und kleine Menschen aus seinen Texten anders herauskommen als sie hineingegangen sind. In vorliegenden 32 Gedichten, geordnet in fünf Kapitel, nutzt der Psychologe und Dichter dazu u. a. tradierte Formen wie Abzählverse, Alliterationen, Kinderlieder, Reime. Letztere begründet er selbstironisch-theoretisch mit „Der Reim ist das, was leimt“ (5. Kapitel), führt sich jedoch selbst(bewusst) ad absurdum (letzte Zeile): „Als Schlusswort wäre Specht nicht schlecht. Viel schöner aber ist Habicht.“

Für das Anders-Heraus-Kommen sorgen meist letzte Zeilen. Ist inhaltlich nichts mehr zu leimen, erübrigt sich die Reim-Form, z. B in „Unser Tisch“: „Jeder hat einen Stuhl – an unserem Tisch. – Auch Papa. – Jeder hat einen Teller – auf unserem Tisch. – Auch Papa. – Jeder hat eine Suppe – auf unserem Tisch. Seine ist kalt geworden.“ Sätze brechen, zwingen zu (Gedanken)-Pausen, das formale Stakkato bereitet Endgültiges vor. Es gibt auch „Ich bin ok – du bist ok!-Gedichte (aber die sind nicht ganz so schön …). Und da ist noch Wiebke Oeser mit ihren Buntstiftillustrationen. Textfarbe und Bilder, meist Vignetten, sind verbunden durch Blass-Blau. Der „blaue Planet“ jedoch – mal als Ball, Eiskugel oder eingewickelter Bonbon zu entdecken – ist rot, aber nicht gezeichnet, sondern (ab?)gestempelt.

Auf vielfältige Weise hält dieses Buch unzählige Angebote zum individuellen und gemeinsamen Nach-Denken bereit, mit kleinen und großen Menschen jeden Alters, auch zum „Philosophieren mit  Kindern“. Schubigers Texte können selbst Kinder mit wenig Lesekompetenz schaffen, so einfach und klar sind die Worte. Gesprächsimpulse böten Gedichte und Illustrationen, die einander argumentierend zugeordnet würden. In welche Richtung könnte man denken, welche Fragen kommen in den Kopf, welches Gefühl ergreift uns? Fehlen die Worte, helfen vielleicht Farben oder Klanginstrumente? Wie sähe z. B. die Wortneuschöpfung „Luften“ im Bild aus oder wie hörte sie sich klanglich an? Zu finden ist sie im Gedicht „Die Welt und alles“, woraus der Buchtitel stammt. Zum Geburtstag des Windes „lacht und luftet (alles) ringsumher“, aber die letzte Zeile lautet: „man ist zum Fest eingeladen und weiß nicht, was man mitbringen soll.“ Wer Schubigers gepflegtes Schweizerisch hören will, der nutze www.lyrikline.org. Dort spricht er z. B. die Gedichte „Titanic“, „Bei uns zu Haus“ oder „Bin so“.

(Der Rote Elefant 28, 2010; Der Rote Elefant 32, 2014)

Claudia Rouvel