Cover: Jürg Schubiger; Das Kind im Mond

Dass der Mond ein Ort der Wunder ist, scheint allgemein bekannt. Auch vom Mann im Mond war schon mancherlei zu hören. Doch dass dieser Frau und Kind hat, mag noch nicht an jedermanns Ohr gedrungen sein. Die Frau im Mond und das Kind im Mond warten jeden Tag darauf, dass der Mann im Mond von seinem Tagwerk zurückkehrt. Dann spazieren sie gemeinsam durch das Mondgras, trinken Sternenmilch, setzen sich auf eine Bank und sehen fern. Neben sich den Hund im Mond und das Kalb im Mond. Was sie betrachten ist die Erde, leuchtendblau im Schwarz des Weltenalls. Die Frau im Mond weiß vielerlei zu erzählen von der Erde, von frischem Brot und Kräutern, von Würsten, Torten und Wäldern. „Weiß der Kuckuck, woher sie das wusste“. Sehnsucht ergreift das Kind im Mond – und eines Tages macht es sich auf in Richtung Erde, die Eltern zurücklassend.

Jürg Schubiger und Aljoscha Blau (Rattenfänger-Literaturpreis 2014) erzählen auf ungewöhnliche Weise vom Zusammenleben und Auseinandergehen, von Verbundenheit und Loslassen. Und davon, wie die Zurückgebliebenen den Verlust aushalten und verarbeiten, wie sie ein Ende verkraften und neu beginnen. Dabei wählt Schubiger einen nur teilweise wissenden Erzähler, der mit immer derselben Formel kommentiert und Ungereimtheiten hinterfragt – und auf diese Weise die Erfindungskraft des Lesers geradezu provoziert. „Einmal zum Beispiel flog hoch oben ein Rabe vorbei. Still, fast ohne einen Flügelschlag. Sein Gefieder glänzte vor dem Himmel. Weiß der Kuckuck, woher der Vogel kam.“ Geheimnisvoll, düster wirkt dieser Rabe, den Aljoscha Blau mit zeichnerischer Meisterschaft ins Bild setzt – majestätisch und einsam in der Weite des Alls, Unheil verkündend. Nur die Erde leuchtet blau im Hintergrund. Überhaupt sind Aljoscha Blaus Zeichnungen stimmungsvoll-poetisch. Blau, Grau und Gelbweiß dominieren. Überdimensionale Pusteblumen und wilde Möhren leuchten zart vor dem Dunkel des Himmels. Der Schmerz der verlassenen Mutter um den Sohn wird sowohl im Text als auch im Bild bewegend dargestellt. Schubiger lässt sie das Lied von der Sternenmilch singen. Und Blau zeigt sie in einer verzweifelten Geste mit aufgerissenem Mund am Tisch sitzend. Trost spendet der Vater, den Arm um sie legend, seine Hand auf der ihren. Es braucht Zeit, um zu trauern und Hoffnung zu schöpfen. Am Ende erzählt die Frau im Mond dem Mann im Mond, wie das Kind im Mond auf der Erde lebt, davon, dass es schon lesen und rechnen könne. Und das Huhn im Mond legt ein Ei … Ein aus der Menge herausragendes, kunstvolles Bilderbuch. Weiß der Kuckuck, warum es bisher so wenig Beachtung fand.

Kathrin Buchmann