Cover: Jostein Gaarder; 2084 - Noras Welt

Von den Aborigines weiß man, dass sie sich in eine magische Vorzeit hineindenken können. Nora geht den umgekehrten Weg. Ihre Traumwelt spielt in der Zukunft, ist aber so greifbar wie die Jetztzeit. Den Eltern ist das unheimlich. Vielleicht sollte sie doch einmal einen Psychiater aufsuchen? Der aber, Dr. Benjamin, hält sie nicht für krank, sondern nimmt ihre Fantasien ernst und macht ihr Mut. So kommt es, dass Nora, die bald 16 wird, sich in ihren beiden Welten einrichtet. Als „Nora“ plant sie, mit ihrem Freund Jonas am Gymnasium eine Umweltgruppe einzurichten, als „Nova“ lebt sie in einer durch eine Klimakatastrophe ausgedörrten Welt. In dieser haben sich die Klimazonen verschoben, so dass in den Ländern um den Äquator herum weder menschliches noch tierisches Leben möglich ist. Tausende von Tierarten sind ausgestorben und können nur noch in alten Filmen auf dem Bildschirm betrachtet werden. Die Menschheit hat die Ressourcen der Erde so weit ausgebeutet, dass von den ehemals 5 Milliarden Menschen nur noch eine Milliarde überlebt hat. Die Katastrophe ist unumkehrbar.

Jostein Gaarder zieht alle erzählerischen Register, um seine pädagogische Absicht in eine spannende Geschichte zu integrieren. Zugleich haben die Motive häufig auch eine symbolische Bedeutung. Nora bekommt zu ihrem 16. Geburtstag ein neues Smartphone und einen Rubinring, Erbstück der Großmutter, tatsächlich aber viele hundert Jahre alt und wahrscheinlich mit magischen Kräften ausgestattet. Zukunft und Vergangenheit erscheinen somit als Dimensionen, die bewusster wahrgenommen werden müssen. Die Menschen haben nicht nur eine horizontale, sondern auch eine vertikale Verantwortung. Sie entscheiden, wie die nachfolgenden Generationen leben oder ob sie überhaupt noch leben werden. Bei den Überlegungen, was getan werden könnte, nutzt der Autor eine aktuelle gesellschaftliche Strategie, die sog. Gamification. Gamification bedeutet die Anwendung spieltypischer Elemente und Prozesse in spielfremdem Kontext. In einer bewusstlosen, vergnügungssüchtigen Gesellschaft könne bzw. solle dieses Spiel-Verhalten aufgegriffen, aber an umweltpolitische Ziele gebunden werden. Also: eine „Luchs“-Lotterie oder ein Rubbellos zugunsten der Schleiereule.

Schon im Inhaltsverzeichnis typografisch unterschieden erzählt Gaarder das Zukunftsszenario im Präsens, die Jetztzeit in der Vergangenheit. Was die Handlung angeht, scheut er nicht vor dramatischen Zuspitzungen zurück. Gaarder meint es ernst. Und er hat Recht damit.

(Der Rote Elefant 32, 2014)

Rudolf Wenzel