Cover: Jorge Bucay; Wie der Elefant die Freiheit fand

Ein erwachsenes Ich erinnert sich: an das Kind, das es einmal war, an die Faszination für die magische Welt des Zirkus, an bedrängende Fragen, den geliebten Elefanten betreffend. Warum befreite dieser sich nicht von seiner Kette trotz übermenschlicher Kraft? Wusste er nichts von seiner Stärke? Ist „sich aus dem Staub machen“ nicht wenigstens den Versuch wert? Das Freiheits-Problem lässt auch den Erwachsenen nicht los. Dieser hofft noch heute, der Elefant habe sich doch befreit, sei aber freiwillig zur Freude der Kinder im Zirkus geblieben. Wird hier die Hegelsche Definition von „Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit“ adaptiert? Möglicherweise beruht darauf der deutsche Titel. Das Original lautet übersetzt „Der angekettete Elefant“. Dieser entspräche präziser dem philosophischen, deutungsoffenen Anspruch des Buches, das sich dem Begriff der „(Un)Freiheit“ in Text und Bild nähert. Als „traditionelle Parabel“ (Untertitel) fordert der Text dazu auf, das Erzählte auf die menschliche Welt zu übertragen. Die Überlagerungen von Kindheits-Ich und Erwachsenen-Ich böten eine Spur, denn nicht immer ist eindeutig, welches Ich gerade erzählt. Kind und Erwachsener scheinen unfrei verbunden. Erst rückblickend, eigene Ungewissheiten und Ängste aus der Kindheit summierend, kann das erwachsene Ich den Elefanten flüsternd im Traum ermutigen, sich seiner Kraft gewiss zu sein. Auch auf der Bildebene finden sich Beispiele. Als Bildsignal verbindet durchgehend eine Kette kindlichen und erwachsenen Elefanten, wobei das „Junge“ (noch) an der Kette zerrt. Der ausgewachsene Elefant könnte sich befreien, aber die seit Kindheit aufgezwungene Konditionierung verhindert dies. Im Sinne von „Die Gedanken sind frei“ überwindet der Menschenjunge reale Unfreiheit durch Fernwehträume, im Bild vermittelt durch Briefmarkentableaus mit Elefantenmotiv, Elefantenpostkarten oder mehrsprachige Zirkus-Plakate. Insgesamt erzeugen die bräunlich-beige-grau aquarellierten Collagen eine traurig-nachdenkliche Stimmung.

Nachzudenken wäre über vieles: über Freiheit in einer Gesellschaft und über individuelle Freiheit, der Autor Jorge Bucay erlebte in Argentinien die Militärdiktatur und er ist Psychiater. Die Illustrationen haben eher entwicklungspsychologische Dimension. Diese Mehrdimensionalität kann Leser und/oder Betrachter, egal welchen Alters, fesseln. Für jüngere Kinder wäre eine behutsame Annäherung an den Freiheitsbegriff sinnvoll, z. B. über die Perspektive des kleinen Hundes, der den Jungen – freiwillig, ohne Leine – treu begleitet, obwohl er im Text nirgends vorkommt. Was sieht er? Wie würde er die Geschichte erzählen?

Claudia Rouvel