Cover: Jon Arno Lawson: Überall Blumen

Auch in der tristen Stadt brechen Blumen durch den Asphalt. Man muss nur genau hinsehen. Das tut ein kleines Mädchen, das sich mit dem Vater auf dem Heimweg befindet. Aufmerksam-ernst beobachtet es das hektische Treiben um sich herum. Dann pflückt es Blumen und verschenkt sie, z. B. an einen toten Vogel, einen Schlafenden im Park, später an die Geschwister. Je mehr Blumen sie verteilt, desto farbenfreudiger wird die ehedem graue Stadt. Als Vater und Tochter zu Hause ankommen, strahlt die Welt in vielen Farben.

Offene Natur- und Menschwahrnehmung des Kindes kontrastieren mit der Zielorientiertheit der Erwachsenen. Das Mädchen muss oft rennen, um nach einer freundlichen Geste mit dem Vater Schritt halten zu können. Dieser bleibt zwar stets in der Nähe der Tochter, erscheint aber gedanklich abwesend. Zu Hause küsst er seine lächelnde Frau, der sich das Kind in die Arme wirft. Angesichts dieser Geborgenheit ist bedeutsam, dass das Kind seine schützende Kapuze nur einmal kurz abnimmt, um sich eine Blume hinters Ohr zu stecken.

Sydney Smith, für dieses Buch mehrfach preisgekrönt, füllt mit seinen stimmungsvollen Aquarell- und Tusche-Illustrationen mal ganze (Doppel-)Seiten, mal gestaltet er, wie im Comic, symmetrisch geordnete Bildfolgen. Weitwinkel, Frontal- und Vogelperspektive erlauben Blicke auf die kulturelle und ethnische Diversität der Stadt, wobei der Betrachter zuweilen der Perspektive des Mädchens folgt. So sieht er mit ihr anfangs z. B. eine Taube und eine Vogel-Tätowierung auf dem Arm eines Passanten. Auch am Ende konzentriert sich der Blick des Kindes auf Vögel, diesmal am Himmel. Und ein toter Vogel ist es, dem das Mädchen einen Blumenstrauß auf die Brust legt, was dem Tier Würde und Frieden verleiht.

Das mehrdeutige, textlose Buch erinnert an das Kindheitsbild der Romantik, worin das unschuldige Kind den unentfremdeten Menschen an sich verkörpert. Damit korrespondiert die „Rotkäppchen“-Anspielung: Die Protagonistin trägt eine rote Kapuzenjacke – eingangs die einzige Farbe inmitten von Grau – pflückt Blumen und geht vom Weg ab. Aber die Botschaft des Buches zielt nicht – wie im romantischen Vorbild – auf individuelle Bedrohung. Bedroht sind Achtsamkeit im Umgang mit allem Lebendigen, seien es Blumen, Tiere oder Menschen. Um mit Kindern über dieses komplexe Thema ins Gespräch zu kommen, könnten ausgewählte Illustrationen mit „schützender Kapuze“ dienen, um nach deren möglichen Sinn zu fragen.

Kristina Vogt