Cover: Johannes Groschupf; Der Zorn des Lammes

Der Autor nennt sein Buch einen „Thriller“, eine zutreffende Charakteristik. Krimis oder Thriller gelangen selten in den Roten Elefanten. Dieser sei hier vor allem aus literaturtheoretischen Gründen empfohlen, denn man kann daran untersuchen, wie es geht: Milieuschilderung,  Figurencharakte-risierung, Spannungsaufbau, Höhepunkt und Katharsis.

Zwei Einzelgänger treffen in Berlin schicksalhaft aufeinander. Jazz, mit bürgerlichem Namen Jasmin, 18 Jahre alt, hat sich aus dem verschlafenen Elbstädtchen Glückstadt nach Berlin abgesetzt. Sie ist Praktikantin beim „Tagesspiegel“. Alles ist neu und aufregend. Milan dagegen, 23, ist aus der Psychiatrie geflüchtet und lebt in einem Abrisshaus. Er sieht Jazz im 29er Bus und steigert sich sofort in eine wahnhafte Liebe zu ihr. Liebes- und Gewaltphantasien wechseln einander ab. Milan bringt sogar einen Küchenhelfer um, um dessen Stelle in der Kantine der Zeitung zu ergattern. Es kommt zu einer Begegnung, die in eine Vergewaltigung mündet. Danach kann Jasmin fliehen und wird für Milan unauffindbar. Aus Rache und als Signal zündet Milan Autos an, wozu ihn apokalyptische Stimmen auffordern. Wie das Ganze ausgeht, wird nicht verraten. Eine besondere Spannung entwickelt sich in der Geschichte, da in den wechselnden Kapiteln jeweils Jazz und Milan als Ich-Erzähler auftreten und die einzelnen Situationen (natürlich) völlig unterschiedlich wahrnehmen. Was ist Wahrheit? Eine Frage; die sich auch stellt, wenn es sich nicht um eine wahnhafte Verzerrung eines Geschehens handelt. (s. youtube-Interview mit dem Autor).

Der Geschichte kann man sich inhaltlich weiter annähern durch Recherchen zu psychotischen Krankheitsbildern oder zu Fragen der Traumabewältigung. Der spannende Stoff bietet viele kreative Anreize. Man kann anhand der konkreten Orts- und Straßennamen eine Stadtrallye entwerfen und so verschiedene Szenemilieus von Berlin kennenlernen, man kann ein Filmexposé schreiben oder einige Szenen als Comic zeichnen. Die Qualität des Buches reicht auch aus, um daran Übungen zur Literaturkritik zu machen.

Rudolf Wenzel