Cover: Jörg Bernardy, Philosophische Gedankensprünge

Auf dem Buchcover bewegen sich menschliche Figuren in waghalsigen Sprüngen im All. Der Buchtitel ist leicht schräg gesetzt. Darüber fordert eine schwebende Figur mittels einer Sprechblase auf: „Denk selbst!“ Wer ist angesprochen? Wer soll denken? Die zentrale Frage der Philosophie ist gestellt: Wer ist ICH? Die damit verbundene Problematik wird bereits im  ersten Kapitel ausführlich diskutiert, aber ein angemessener Zugang wäre, sich die Zeit zu nehmen, das Buchcover solange zu betrachten, bis die Frage von selbst auftaucht.

Vor einigen Jahren gab es einen Bücher-Boom über das Philosophieren mit Kindern. Dieser ist etwas abgeebbt, aber ein Anstoß, über eine bloße Stoffvermittlung hinauszugehen und all das, was oft so selbstverständlich scheint, einmal in Frage zu stellen, ist immer nötig. „Philosophische Gedankensprünge“ regt dazu an. Das Buch führt schon auf den ersten Seiten mitten hinein in den Prozess des Denkens selbst, von der Frage nach dem Ich bis zu der nach dem Sinn des Lebens. Dazu kommen Themenschwerpunkte wie Natur, Freundschaft, Liebe, Medien. Eingestreut sind immer wieder Zitate von Philosophen, aber ohne Jahreszahlen, denn es geht nicht um eine historische Zuordnung, sondern um die Aktualität der Sätze, auch wenn sie manchmal 2000 Jahre alt sind. Der Autor offenbart ein „modernes“ Philosophieverständnis, indem z. B. nach dem Zusammenhang von Körper und Geist gefragt oder die Relativität philosophischer Erkenntnis festgestellt wird. („Einige Philosophen bezweifeln dies.“) Es werden Begriffe wie Influencer oder Nerd diskutiert, Dinge wie das Smartphone problematisiert und immer wieder geht es um das eigene Erleben, das eigene Fragen. „Denk an etwas, das du besitzt und niemals ausleihen würdest.“

Kinder, die neugierig genug sind, können sich selbst mit dem Buch beschäftigen. Die intelligenten und witzigen Illustrationen, welche die Elemente des Covers wiederholt aufgreifen, motivieren zum wiederholten Umkreisen bestimmter Fragestellungen. Erzieher/Lehrer*innen würden eher einzelne Themen oder auch nur Gedanken auswählen und sich dann mit den Kindern ernsthaft darauf einlassen. Aber langsam! Es geht nicht darum, Wissensgebiete abzuhaken, sondern um das Erfahren des eigenen Denkens. Nur so kann man Klischees aufbrechen oder scheinbar festen Strukturen Alternativen gegenüberstellen. Provokativ steht am Schluss das berühmte Camus-Zitat, der Anfangssatz des „Mythos von Sysiphos“: „Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie zu antworten.“

Rudolf Wenzel