Cover: Jöns Mellgren, Elsa und die Nacht

Elsa, ein Dachs (bekanntlich ein nachtaktives Tier), schläft seit vielen Jahren nicht. Sie lebt allein und sortiert Rosinen aus ihrem Müsli, um die Zeit totzuschlagen. Eines Morgens entdeckt sie in der Küche – während es draußen hell wird – „die Nacht“, die sich bei ihr verkrochen hat. Ein kleines unförmiges Etwas, das zittert wie eine Nähmaschine und kurze, kalte Atemzüge ausstößt. „Du darfst hier nicht sein“, meint Elsa und versteckt „die Nacht“ im Keller. Doch schnell wird Elsa klar, dass ihr Leben und das der anderen ohne die Nacht nicht sein kann. Niemand kann bei ewiger Helle schlafen. Elsa holt „die Versteckte“ wieder hervor und erzählt nun von ihrem Leben auf hoher See, ihrer Freundschaft mit Olaf, der Tätigkeit als Leuchtturmwärterin (die anderen nachts den Weg wies) und schließlich dem schmerzlichen Verlust des Freundes und der Arbeit. Erst nachdem sie sich all dies von der Seele geredet hat, wagt sich Elsa nach draußen. Sie nimmt „die Nacht“ mit, zeigt sie jedem auf der Straße, steht zu ihr. Und die Nacht wird groß und kräftig und lässt alle wieder ruhig schlafen.

Jöns Mellgrens Buch beunruhigt und provoziert offene Fragen. Elsa und die Stadtbewohner erkennen offensichtlich erst durch den Verlust, dass es keinen Tag ohne Nacht gibt. Aber was bedeutet „die Nacht“ hier? Nur das tatsächliche Gegenstück zum Tag? Oder steht sie für die Bedrohung ruheloser Nächte, in denen Ungeklärtes in einem wütet? Vielleicht auch für jene innere Ruhe, die erholsamen Schlaf bringt? Warum „versteckt“ sich „die Nacht“ gerade bei Elsa? Lange vermied Elsa, sich mit ihrer Trauer, Einsamkeit und Depression auseinanderzusetzen und versteckte diese vor sich und anderen („im Keller“), was wiederum ihr Leben und das anderer beeinflusste. Wird hier Elsas verinnerlichte „Nacht“-Seite symbolisiert und personifiziert? Können innere Ruhe und erholsamer Schlaf erst wiedergefunden werden, wenn man sich seinen „Nacht“-Gedanken stellt?

Das Buch gibt keine eindeutigen Antworten auf diese Fragen. Das mag für den einen unbefriedigend, für den anderen reizvoll sein, da es zum Nachdenken anregt. Doch nicht nur das philosophisch-psychologische Angebot hebt „Elsa und die Nacht“ aus der Flut von Bilderbüchern mit anthropomorphen Figuren heraus. Die in gedeckten Farben gehaltenen collageartigen Illustrationen unterstreichen die melancholische Grundstimmung der Geschichte perfekt und schaffen mit einem Farbklang aus Blau, Lila, Gelb, Orange einen angenehm ruhigen Gegenentwurf zu allzu oft „brüllend bunten“ Gestaltungen. Ein rätselhaftes, trauriges – schönes Buch!

Frank Kurt Schulz