Cover: Jochen Oltmer; Nikolaus Barbian, Ein Blick in die deutsche Geschichte - vom Ein- und Auswandern

Dieses wichtige Buch lässt „alle heutigen Bedrohungsängste und Krisensorgen in einem anderen Licht erscheinen“, denn es macht klar, dass es schon immer Menschen gegeben hat, die nach Deutschland ein- bzw. aus Deutschland ausgewandert sind.

Ausgehend von der Frage „Was ist eigentlich Deutschland?“ erhalten die Leser Einblicke in große und kleine Wanderungsbewegungen, die es vor und nach Gründung des Deutschen Reiches 1871 gegeben hat. Um 1800 zogen z. B. jedes Frühjahr tausende bettelarme Kinder im Alter von 8 bis 14 aus Alpendörfern in Vorarlberg und Tirol los, um in Süddeutschland auf Bauernhöfen als billige Arbeitskräfte Vieh zu hüten oder im Haushalt zu helfen. Sie wurden „Schwabenkinder“ genannt, da auf Hütekindermärkten, z. B. in Friedrichshafen am Bodensee, Bauern aus ganz Schwaben kräftige Kinder mit starken Armen und gesunden Zähnen suchten. Andererseits wanderten im Kaiserreich hunderttausende Deutsche aus wirtschaftlicher Not nach Amerika aus und blieben dort gern unter sich. Selbstverständlich betrachtet das Buch auch die von Deutschland ausgelösten zwei Weltkriege, damit einhergehende Migrationsströme und deren Folgen bis in die Jetztzeit.

In acht chronologisch geordneten Kapiteln, bestehend aus historischen Fakten, erklärenden Texten und Berichten von Migranten, beleuchten der Geschichts- und Politikwissenschaftler Jochen Oltmer und der Lehrer für Geschichte und Deutsch Nikolaus Barbian sachkundig Historie und Gegenwart von Migration. Die manchmal etwas gelehrt anmutenden Texte bebildert Christine Rösch gekonnt mit farbigen Strichzeichnungen, so dass der Gesamteindruck des Buches sehr lebendig wirkt. Schon das Cover erregt durch seine ungewöhnliche Farbgebung (Petrolgrün, Violett, Gelb, Orange, Blau) visuelle Aufmerksamkeit. Gleiche Töne nutzt die Künstlerin, um durch ganzseitige Bilder Einblicke in Wohnräume und Lebenssituationen heutiger Geflüchteter zu geben. Vor- und Nachsatz des Buches sind als fortlaufende Zeitleiste von 1871 bis 2010 gestaltet. Texte und kleine Illustrationen erzählen gemeinsam, was im jeweiligen Zeitabschnitt wesentlich ist. Auch Glossar und Quellenverzeichnis sind mit aussagekräftigen Bildminiaturen aufgelockert. Als Freizeitlektüre für Jugendliche ist das Buch schwer vorstellbar, gehört jedoch in jeden ambitionierten Geschichts-und Politikunterricht. Dabei sollte die bereits im Vorwort formulierte These der Autoren richtungsweisend sein: Integration heute ist ein Prozess, der auf Gegenseitigkeit beruht und somit Migranten und Einheimische gleichermaßen betrifft.

Sabine Mähne