Cover: Jason Reynolds, Coole Nummer. Als ich der Größte war

Der 15-jährige Erzähler Allen alias Ali wohnt mit strenger, aber herzlicher Mutter und etwas altkluger kleiner Schwester Jazz in einem Brooklyner Viertel. Um die stetig steigende Miete zu zahlen, geht die Mutter zwei Jobs nach. Den kleinkriminellen Vater hat sie vor die Tür gesetzt. Ali und Jazz sind weitgehend auf sich gestellt, aber das ist „normal“. Dass eine Familie zusammenhält, ist den vaterlosen Brüdern mit den von Jazz erfundenen Spitznamen „Noodles“ und „Needles“, die im Nachbarhaus nebst überforderter Mutter leben, fremd. Beider Beziehung ist belastet, da Needles das Tourette-Syndrom hat und es Noodles schwer fällt, zu ihm zu stehen und Verantwortung zu übernehmen. Ali freundet sich mit den Brüdern an. Sie verbringen lange Sommertage auf der Treppe vor dem Haus, quatschen und beobachten das Treiben um sich herum. Auf einer illegalen Party kommt es zu einem Zwischenfall, bei dem Ali entsprechend seinem Vorbild zwar als „der Größte“ glänzen kann, aber alles wird komplizierter: Erst muss Ali Needles rausboxen, später braucht er selbst dringend Hilfe. Noodles‘ Wegducken lässt sowohl den latenten Konflikt zwischen den Brüdern als auch den zwischen Ali und Noodles eskalieren.

Der Afroamerikaner Jason Reynolds lebt in Brooklyn und kennt das in seinem Romandebüt beschriebene soziale Milieu des Stadtteils Bedford-Stuyvesant sehr genau. Dort leben mehrheitlich Schwarze. Mit Hilfe von Alis Stimme vermittelt er ein plastisch-vielschichtiges Bild der Bewohner und davon, was es heißt, dort aufzuwachsen: Auf der einen Seite Rassentrennung, Kriminalität, Drogen, Gewalt und Armut, auf der anderen Seite Toleranz, ein enges, informelles Nachbarschaftsnetzwerk und gegenseitige Hilfe. Man regelt die Dinge unter sich. Ali nimmt gravierende soziale Probleme wahr (etwa wenn aus Geldmangel kein Krankenwagen gerufen werden kann), aber für ihn ist auch das „normal“. Soziale Kritik entsteht somit aus der Spannung zwischen der humorvoll-problemabwiegelnden Erzählerstimme und der Wirkung, die diese auf den Leser hat. Alis authentische Ausdrucksweise und z. T. tragikomische running gags bereiten sicher auch leseungeübten Jugendlichen Vergnügen. Etwa wenn „Needles“ stets emsig zu stricken beginnt, sobald sich sein Syndrom meldet.

Klaus Fritz gelingt größtenteils eine überzeugende Übertragung der Sprechweise des 15-jährigen Ali ins Deutsche, nur manchmal wirken Formulierungen gestelzt oder stark um Jugendlichkeit bemüht. Da das verwendete African American English nicht übertragbar ist, wäre bei einer Lektüre im Unterricht der Originaltext heran-zuziehen. Für eine Einführung ins Buch böte sich das eigene Lebensumfeld an. Wie sieht es da aus? Wie gestaltet sich das Zusammenleben? Der Roman schärft einen genauen Blick.

Sarah van der Heusen