Cover: Jaqueline Kelly; Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen

„‚Großvater …‘ ‒ ‚Ja, Calpurnia?‘ ‒ ‚Mädchen … Mädchen können doch auch Wissenschaftler werden … oder?‘“, fragt die 11-jährige Erzählerin im Sommer 1899. Calpurnia, kurz Callie, lebt zusammen mit sieben Brüdern, Eltern und Großvater auf einer Farm in Texas. Der einzigen Tochter lassen Mutter und schwarze Hausangestellte die bestmögliche Ehefrau- und Mutter-Ausbildung angedeihen: Klavierspiel, Lockenkunst, Kochen, Handarbeit … Callie hasst diese Tätigkeiten. Sie ist ein Freigeist. Am liebsten geht sie unerlaubt schwimmen, streift durch die Natur oder ist bei Großvater im „Labor“. Der naturwissenschaftlich-technisch interessierte Großvater fordert Callies Wissbegier für Pflanzen und Tiere. Bei ihm lernt sie Botanisieren, Protokollieren, analytisches Denken. Auch leiht er ihr verbotene Bücher wie z. B. „Über die Entstehung der Arten“. Darwins Buch, mit dessen Autor der Großvater korrespondierte, rüttelt an religiösen Grundfesten. Darwin-Zitate leiten alle Kapitel doppeldeutig ein. Callie unterwandert die ihr bestimmte Frauenrolle und beantwortet die obige Frage letztlich positiv: „Alles war möglich“. Gleichnishaft verbunden ist ihr Optimismus mit dem für Texas seltenen Naturereignis „Schnee“, gefallen am 1. Januar des neuen Jahrhunderts. Fasziniert betritt Callie weises Neuland und hinterlässt Spuren.

Calpurnia lautet nicht nur der Name der Hauptfigur, sondern auch der einer Schmetterlingsblütlern zugehörigen Pflanzengattung. Callies „(r)evolutionäre Entdeckungen“ an sich selbst, in der Familie oder dem sozialen Umfeld weisen stets sprachlich originelle Naturbezüge auf: kahlköpfige Männer sehen aus wie Brunnenmolche oder Frauenkorsette wie Käfige.

Kellys facettenreiches Zeit- und Gesellschaftsbild ist mehr als eine lebendig erzählte historische Emanzipationsgeschichte. Überzeugend integriert sind kritische Positionen zu Bürgerkrieg und Sklaverei. Ein reflektierter Umgang mit der eigenen Vergangenheit charakterisiert den Großvater, einst Captain in den Sezessionskriegen. Die Kritik der schwarzen Haushälterin „Callie spiele den Neger“ als Callie sich in Feldarbeit versucht, vermittelt ein tief verinnerlichtes Minderwertigkeitsgefühl, was zeigt, dass weiße Einwanderer als Herren(rasse) ganze Arbeit geleistet haben.

In den USA muss Kellys Roman(debüt) als Provokation für die Kreationisten wirken, welche Darwin aus der Schule verbannen wollen. In Europa ist es angesichts endloser Frauenquotendiskussionen, erzkonservativer Familienpolitik und latent ambivalenter Frauenselbstbilder ein wichtiger Beitrag zu einem zeitlosen Thema. Hatte Maria Sybilla Merian, Naturforscherin und Künstlerin vor 200 Jahren, das geahnt! Eine wunderbare Idee des Verlages, Merians Beitrag zur Frauenfrage in Gestalt von Raupen und Schmetterlingen dem Buch als Augenweide und zeitlosen Denkanstoß beizugeben.

Claudia Rouvel