Cover: Jan de Leeuw, Eisvogelsommer

Mit 15 Jahren stirbt Thomas bei einem Autounfall. Eltern, Freundin Orphee und der Großvater, dem Thomas sehr nahe stand, bleiben zurück. De Leeuw stellt in „Eisvogelsommer“ (Luchs-Buchpreis April 2016) die Frage, wie man nach dem Verlust einer geliebten Person weiterleben kann. Um die Art der Beziehungen zwischen dem Toten und den Hinterbliebenen auszuloten, konstruiert er einen komplexen Spannungsbogen und wählt eine ungewöhnliche Erzählperspektive. Es ist Thomas selbst, der die Trauernden beobachtet und dabei eine Familientragödie und dramatische Dorfereignisse enthüllt. Entscheidend dafür sind die märchenhaft anmutenden Geschichten des Großvaters, wovon oft mehrere Varianten existieren.

Für die atmosphärische Wirkung des Textes ist die Landschaft um das Dorf herum, Hügel, Tümpel und ein Rest Wald entscheidend. In diesen Kontext gehören auch der wiederholt auftauchende Eisvogel und eine Füchsin, wobei letztere sowohl in einer Erzählung des Großvaters als auch in Thomas‘ Liebesgeschichte mit Orphee vorkommt. Es ist vor allem Orphee, der Thomas folgt, um die komplizierte Beziehung zu dem Mädchen mit dem mythisch besetzten Namen noch einmal heraufzubeschwören. „Schützend legt sie die Hand um die Flamme. Es ist eine so typische, dabei fast männliche Geste. Ich habe sie hundertmal gesehen, wenn sie sich eine Zigarette anzündete. Meine coole Orphee, meine rebellische Liebste, meine Raucherin. Sie wusste, wie ich dieses Rauchen hasste. ,Ich bin nicht dein Eigentum‘, sagte sie und blies mir mit jedem Zug ihren Eigensinn ins Gesicht.“ De Leeuw beherrscht die Kunst, über kleine Szenen, aber auch in prägnanten Dialogen, Gefühle, Verhalten und Entwicklungsschritte seiner Figuren preiszugeben. So sind die Wege, die Freundin und Mutter gehen, um Abschied zu nehmen, sehr verschieden, aber jeweils individuell spannungsreich und psychologisch glaubhaft.

Der Roman endet mit dem Begräbnis des Großvaters. Thomas‘ Mutter und Freundin haben einen großen Schritt auf dem Weg, mit der Erinnerung an den Toten umzugehen, getan, womit sich auch die Erzählerstimme verabschiedet. Das Leben im Dorf geht weiter. Womöglich lernt auf der Kirmes, deren Geräusche zum Friedhof schallen, wieder ein Junge ein Mädchen kennen. Im Rahmen einer Buchdiskussion könnten Geschichtenvarianten noch einmal gegenübergestellt werden, verbunden mit der Frage: Sind reale Geschichten „wahrer“ als märchenhafte? Können individuelle Erzählungen und Erinnerungen überhaupt „wahr“ sein? Lassen die Beziehungen zwischen den Trauernden unterschiedliche Erzählungen zu? Und welche Funktion hat „Erzählen“ für die Selbstvergewisserung von Menschen?

Sarah van der Heusen