Cover: Jacob und Wilhelm Grimm, Hans im Glück und andere Märchen der Brüder Grimm

Nachdem der NordSüd-Verlag 2015 einen Grimm-Sammelband mit Illustrationen Herbert Leupins veröffentlichte, legt er nun einen weiteren Schweizer Bilderbuchkünstler wieder auf: Felix Hoffmann. Entsprechen die großartigen Grafiken Leupins der 1940er Jahre in Farbigkeit und Bildsprache eher modernen Sehgewohnheiten, kommen Hoffmanns Bilder möglicherweise – wenn auch nur auf den ersten Blick –etwas unmodern daher.

Die Illustrationen stammen aus sieben Einzelausgaben, erschienen zwischen 1949 und 1975. Außer in „Hans im Glück“ verzichtete Hoffmann in seinen Lithografien und Zeichnungen meist auf kräftige, leuchtende Farben. Erdig-stumpfe Töne definieren die Grundstimmung seiner Märchenwelt. Setzt er jedoch Farben sparsam-gezielt ein, wirken diese umso stärker, heben sie Wendepunkte der Handlung oder Veränderung bringende Figuren deutlich hervor: so der golden schimmernde Ballsaal in „König Drosselbart“, der leuchtend rot gekleidete Prinz in „Rapunzel“ oder die mit rotem Pullover bekleidete Schwester der „Sieben Raben“.

Gestalterisch ist der Band eine Freude. Spannende Bildkompositionen – von detailreichen Innenräumen über weite Landschaften bis hin zum Fehlen jeglicher Hintergründe – zeugen von Hoffmanns grafischem Können. Beispielhaft: der eiskalte Wintertag, an dem Frau Gothel Rapunzel abholt, Dornröschens Hochzeitszug oder die am Däumling des Nachts vorüberziehenden Diebe. Die Figurenzeichnung wechselt zwischen ausdrucksstarken Charakterköpfen und entindividualisierten Figuren, die an mittelalterliche Menschendarstellungen erinnern. Während sechs der Märchen in einem historisierend anmutenden Ambiente angesiedelt sind, zeugen die Illustrationen zu „Die sieben Raben“ von ihrer Entstehungszeit (1962): so die Kleidung der Brüder, ein Fußball, eine Stadtansicht oder die kecke Baskenmütze der Schwester. Hier wird am deutlichsten, dass Hoffmanns Bilder auch Zeitdokumente sind, die sich wunderbar mit anderen „zeitgenössischen“ Märchenillustrationen vergleichen lassen.

Für Märchenliebhaber ist die Wiederveröffentlichung der Hoffmann-Illustrationen ein Glück – besonders in Anbetracht der den Buchmarkt überschwemmenden Grimm-Ausgaben mit hübsch-niedlichen und knallig bunten Bildbeigaben. Übrigens: Ursprünglich schuf Hoffmann die Bilder für seine Kinder zu den von ihm frei erzählten Märchen. Dementsprechende leichte Veränderungen spiegeln sich z. T. illustrativ wieder. Da Hoffmanns erzählte Varianten genutzt wurden, bietet sich eine weitere Möglichkeit für Vergleiche.

Frank Kurt Schulz