Die polnische Künstlerin würdigt mit diesem außergewöhnlichen Bilderbuch voller Symbolkraft das Leben des großen polnischen Arztes, Schriftstellers und Reformpädagogen Janusz Korczak. Vor siebzig Jahren deportierten die Nazis aus dem Warschauer Ghetto seine 200 Waisenkinder, denen er eine lebenswerte Heimstatt geschaffen hatte. Davon erzählt Chmielewskas Figur Blumka. Ihr Tagebuch gewährt Einblick in den damaligen Alltag. Vermittelt werden Regeln und Rituale, Gerechtigkeit und Güte als Grundsätze Korczakscher Pädagogik.

Das Buch überzeugt durch eine adäquate ästhetische Gestaltung von Text und Bild. 32 Doppelseiten präsentieren Bildräume, in denen das linierte, leicht vergilbte Tagebuchpapier konsequentes Element ist, das Treppen, Bettdecken, Klaviertasten und Einrichtungsgegenstände vor Augen führt. Bewusst wird das Bild vom Baum des Lebens immer wieder zitiert, der eng mit dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zusammenhängt. Gedeckte Farben erzeugen eine Stimmung der Ruhe und Ernsthaftigkeit, die der Text aufnimmt. Mit klarer und glaubwürdiger Sprache (Dank an den Übersetzer) stellt das Tagebuch elf Kinder und Blumka vor. Jedes Kind hat eine Begabung, Vorliebe oder Eigenschaft, die es einzigartig und unvergessen macht: der stets hungrige Zygmus rettet einen Fisch und wirft ihn in die Weichsel, Reginka liebt Bücher über alles und erzählt abends vom Gelesenen, Aaron kann ausgezeichnet nähen, flickt die Kleider und will Schneider werden wie sein Großvater. Seite für Seite hebt Chmielewska die Anonymität der ermordeten Kinder auf, gibt ihnen Gesichter und Geschichten. Die drohende Vernichtung deutet sie in Bilddetails an, wenn etwa eine Fensterscheibe in der Form eines Davidsterns zerspringt oder eine Lokomotive samt Güterzug sich ins Bild schiebt. Korczak ging mit seinen Kindern ins Vernichtungslager Treblinka, obwohl er sein Leben hätte retten können. Für seine Gestalt wählte die Künstlerin ein leuchtendes Blau – die Farbe der Treue, der Sehnsucht – und der Tinte.

Das letzte überlieferte Typoskript ist Korczaks „Pamietnik“ (Erinnerungsbuch), in dem er die bedrückenden Tage vor der Vernichtung festhielt. Es wurde versteckt und 1957 unter dem Titel „Das Ghetto-Tagebuch“ veröffentlicht. Blumkas Tagebuch baut (nicht nur) Kindern eine behutsame Brücke zu diesem Zeitdokument.

Sabine Mähne