Cover: Iwona Chmielewska, abc.de

Die Polin Iwona Chmielewska widmet ihr sehr persönliches (Wörter)Buch der deutschen Sprache. Von A wie Apfel bis Z wie Zweig offeriert sie anspielungs- und assoziationsreich Wörter und Begriffe, wobei sie nachdenkenswerte Zusammenhänge zur Kultur-, Politik- und Geistesgeschichte und deren Vertretern (u. a. Arp, Beuys, Cranach, Marlene Dietrich, Einstein, Grimm, Gutenberg, Heine, Kant, Mozart, Röntgen, Tom Tykwer, Zeiss) herstellt. Und was haben deutschsprachige Schriftsteller, Musiker, Bildende Künstler, Philosophen, Erfinder und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht alles in Sprache(n) umgesetzt, gedichtet, gedacht, gezeichnet, gefilmt, getanzt … Was verbindet z. B. Leibniz mit Leipzig und „Rose“ mit Rilke? Was haben „Hampelmann“ und Pina Bausch gemeinsam? Was hat es mit der lächelnden Figur aus dem Naumburger Dom auf sich? Und warum sind bei „Marsch“ eine Maus und ein Nussknacker zu sehen?

Wie immer bei Chmielewska sind Wort- und Bildebene intensiv miteinander verflochten. Da dieses Verfahren mehrere Wirkungs- und Verständnisebenen anbietet, ermöglicht es Kindern und Erwachsenen verschiedene Zugänge. So ist es z. B. für Kinder äußerst reizvoll, den jeweiligen Buchstaben, der immer Teil der Gestaltung ist, manchmal nur durch gedachte Linien, im Bild zu suchen. Da findet sich das O in der untergehenden Sonne der Ostsee, im Bierglasrand vom Oktober oder in der Form des Ostereies. Jeder Begriff ist zudem ins Englische, Französische und Polnische übersetzt.

Das auf den ersten Blick unscheinbar wirkende Bilderbuch strahlt mit seinen gedeckten Farben (überwiegend Beige-, Braun- und Grautöne) eine fast altmodische Ruhe aus. Für ihre äußerst sorgfältigen, auf Wesentliches, Charakteristisches reduzierten Collagen nutzte Chmielewska u. a. Fotos, vergilbte Millimeter-, Schreib-, Rechen-, Noten-, Geschenk- und Packpapiere und zeichnete mit Blei-, Buntstift und Kreiden. Was für ein hochkomplexes (Buch-)Kunstwerk, gleichermaßen intellektuelle und bildästhetische Freude, Schule des Sehens, des Wort- und Bilder-Lesens, des Denkens und Erzählens. Mit Kant, der hier bei Kerzenschein in Königsberg über seinen Schriften brütet und fordert: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, wäre in einer Veranstaltung z. B. darüber nachzudenken, ob zur „altmodischen“ Buchausstrahlung der internetaffine Titel passt? Chmielewskas Sachbuch „abc.de“ wurde für den DJLP 2016 nominiert. Diesen Preis hätte die Ausnahmekünstlerin, überdies in Zeiten aktuell-politischer Abgrenzungen zwischen Deutschland und Polen, mehr als verdient.

Kathrin Buchmann