Cover: Irena Kobald, Zuhause kann überall sein

Als sie noch ein fröhliches Mädchen war, wurde sie Wildfang genannt. Dann kam der Krieg und die Familie floh in „dieses Land“, wo alles fremd ist: die Leute, das Essen, die Tiere und Pflanzen, sogar der Wind. Und natürlich die Wörter, die sie wie ein kalter Wasserfall überschwemmen. Nichts versteht sie und niemandem kann sie sich mitteilen. So bleibt der jungen Ich-Erzählerin nur ihre vertraute und wärmende Decke aus Erinnerungen an Geräusche und Wörter von Zuhause. In sie gekuschelt, verschwindet all das Fremde. Einsamkeit und Trauer nehmen erst ab, als sie im Park einem Mädchen begegnet. Mittels eines besonders gestalteten Papiervogels vertraut sie Wildfang das Wort „Vogel“ an. Wildfang ahmt den Klang des fremden Wortes nach, wieder und wieder. Und so kommen immer neue Klänge und Bild-Wörter dazu: Haus, Apfel, Blatt, Schirm, Käfer, Wolke … Abends betrachtet das Flüchtlingsmädchen den „Wortschatz“ und wiederholt noch einmal das Gehörte. Und nach und nach verwebt sie die neuen Wörter mit denen aus ihrer alten Decke.

„Heute ist meine neue Decke genauso warm, weich und gemütlich wie meine alte.“ Sowohl das durchgängige Text- und Bildmotiv der Decke als auch die kunstvolle Einheit von knappem, schnörkellosem Text und gelungenen Illustrationen tragen zum Verständnis der emotionalen Situation von Wildfang bei. Die Farbe Orange, mit Ölfarbe ausgeführt, ist jeweils mit Wildfang verbunden: Kleidung, alte Heimat, Decke. Für Dinge aus „diesem Land“ setzt die australische Künstlerin Wasserfarben ein: helles Blau, Grün, Gelb oder Rosa. Freya Blackwood, die durch ihre Spezialeffekte für die Filmtrilogie „Herr der Ringe“ bekannt wurde, zeichnet auf weichem Aquarellpapier vor und aquarelliert dann die Skizzen für die Reinzeichnung. Durchscheinende Konturen deuten Dynamik und Veränderung an.

Die Idee der neuen Freundin kann für eine Veranstaltung mit Kindern genutzt werden. Auf pastellfarbenen Papieren lassen sich Gegenstände gestalten, deren Bezeichnung für Wildfang ein neues Wort bereithalten könnte. Übrigens: Ein sicherer Gebrauch von „Wörter“ und „Worte“ hätte der Übersetzung gut getan. Auch der originale Buchtitel „My two blankets“ hätte eine originellere deutsche Entsprechung verdient.

Sabine Mähne