„Alles, was zählt“ (Alt som teller) lautet der doppeldeutige Originaltitel. Und genau darüber lässt Ingrid Ovedie Volden ihre 12-jährige, überaus eigenwillige, aber auch mitfühlend-hilfsbereite Protagonistin erzählen. Für Petra „zählen“ nur gerade, perfekte Zahlen, ungerade gehen beim Teilen kaputt. Perfekt heißt: Notwendige Kontrolle über die Unberechenbarkeit des Lebens! Zwanghaft kämmt sich Petra „Fünfmal auf der linken Seite und fünfmal auf der rechten. Aber das reicht noch nicht fürs Gleichgewicht …“ Unperfektes, wie z. B. die Zahl Pi oder Wasserwellen, verunsichern Petra bis zu Schwindel und Erbrechen. Der Psychologe rät ihr, sich Ticks und magischem Denken, z. B. Überteten von Gully-Deckeln, langsam zu stellen. Hilfreich sind dabei Petras Freunde, zu denen die Außenseiter der Schule „zählen“: Melika, ein fußballbegeistertes Flüchtlingsmädchen, das auf den Bruder wartet, der unter Lebensgefahr übers Wasser zur Familie nach Norwegen flieht, und das Mathe-Ass Chris, der wegen Stotterns und Wutanfällen gemobbt wird. Als Petra sich erstmals verliebt, mindert das zwar ihre Ticks, schafft aber neues Chaos, das sie ihre Freunde vernachlässigen lässt. Letztlich kommt alles – auch dank der Freunde – wieder ins Lot, ohne Ticks und Magie.

Voldens Debüt gewährt den Leser*innen, strukturiert in zwölf Kapitel, einen Einblick in Petras Leben und somit eine Gedanken- und Gefühlswelt an der Schwelle zwischen Kindheit und Pubertät. Dazu gehören auch „Gruks“, gereimte Aphorismen, die Petra als Alltagsberater nutzt. Der Autorin gelingt eine glaubwürdige, mitreißende Erzählung, geschrieben in einer klaren Sprache, welche die geschilderten Situationen überzeugend widerspiegelt. Angenehm beiläufig umkreist Volden Fragen nach Normalität, Anderssein und Freundschaftsfähigkeit, aber auch Themen wie Flucht und Migration. Zentral ist dabei die Metapher „Wasser“, da für Petra Wasser auf völlig andere Weise bedrohlich wirkt als für Melikas Bruder. Begleitend dazu untersetzt „Wasser“ auch typografisch den Text, vorbereitet durch das Cover mit einer unschlüssigen (Petra-)Figur am Rand eines Schwimmbeckens.

Als Einstieg mit Schülern ab der 4. Klasse könnten abergläubische Vorstellungen thematisiert werden. Welchen Sinn könnten diese haben? Anschließend diente eine Lesestelle, welche Petra das Betreten eines Gully-Deckels vermeiden lässt, dazu, in deren Persönlichkeit und magisches Denken einzuführen. Auch Petras erster eigener veröffentlichter „Gruk“ böte sich an. Mit „Was man im Dunkeln am meisten vermisst, das ist der Bruder, der Freund, den das Herz nie vergisst“
ist das Freundschaftsthema angesprochen und somit das, was „zählt“.

Ina Taege