Cover: Ingrid Olsson, Neuschnee

„Er zögert, bevor er auf die Klingel drückt. Das liegt an dem Klingelschild. An den verschnörkelten Buchstaben auf der glänzenden Plakette: Bergenhjelm. Papas Nachname. Und seiner.“

Am Weihnachtsabend fährt ein „Er“, dessen Mutter arbeiten muss, bei Regen spontan an den Stadtrand. Dort leben die Anwohner in Eigenheimen und in den Garagen stehen teure Autos. Der Junge hat den starken Wunsch, seinen Vater zu sehen, der hier mit seiner neuen Familie lebt. Doch der Vater ist nicht da und das Angebot der neuen Frau, im Haus auf ihn zu warten, keine Einladung …

In acht Kurzgeschichten, gleichsam Momentaufnahmen, lassen acht junge Menschen, selbstgewählt oder vom Leben diktiert, die Kindheit hinter sich und stellen sich ihrer Realität als nunmehr junge Erwachsene. Mal geht es – wie oben – um die Erkenntnis, nicht dazuzugehören, mal darum, den Verlust eines geliebten Menschen zu verkraften oder darum, die Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch zu treffen. Gemeinsam ist allen männlichen oder weiblichen Figuren, dass sie sich an einem Wendepunkt in ihrem Leben befinden. Auf sich allein gestellt müssen sie – so schmerzhaft es auch sein mag – Entscheidungen treffen, die fortan ihren (Lebens) Weg bestimmen.

Nicht zufällig lässt die Autorin ihre Geschichten zur Weihnachtszeit spielen, der Zeit der Wünsche und Hoffnungen, der Zeit, die für den Beginn von etwas Neuem steht. In jeder Erzählung taucht ein rotes Objekt auf, das symbolisch für eben diese Hoffnung steht, aber auch für den Schmerz, der mit der Veränderung einhergeht. Jede Geschichte wird sehr eindrücklich aus der personalen Perspektive erzählt, wobei fast alle Figuren namenlos sind, was – auch hinsichtlich der Leser – die Verallgemeinerbarkeit eines Lebensgefühls in der Adoleszenz betont. Dieses Lebensgefühl vermittelt sich ebenso in der stark verknappten, verdichteten, z. T. rhythmisierten Sprache, die auf jede Sentimentalität verzichtet und gerade dadurch eine starke Wirkung entfaltet. Auf jeder Buchseite finden sich nur wenige Zeilen. Jedes Geschichten-Ende ist gleichzeitig ein Anfang. Das Weiterdenken der Handlung wird geradezu provoziert. „Neuschnee“ dürfte für Leser interessant sein, die sich auf existenzielle Themen einlassen und von einem Text herausgefordert werden möchten. Durch die Kürze der Texte eignet sich das Buch sehr gut für Diskussionen im Deutschunterricht oder in Literaturveranstaltungen. Sind alle acht Texte bekannt, ließe sich nach Verbindendem zwischen den acht Jugendlichen suchen und es könnte überlegt werden, wie sich deren jeweilige Entscheidung auswirken würde. Die Diskussionsergebnisse könnten zum Schreiben eigener Texte anregen.

Susann Kloss