Cover: Hubert Schirneck, Der Wolkenkratzer schwingt die Bürste

Dachten wir bislang, Wolkenkratzer seien sehr hohe Gebäude, werden wir eines Besseren belehrt. Der Begriff bezeichnet in Wahrheit einen ernstzunehmenden Beruf. Eigentlich logisch! Was sollen Wolken tun, wenn es sie juckt, haben sie doch keine Fingernägel …

Der Beruf „Wolkenkratzer“ ist somit für Wolken durchaus notwendig und auch praktisch. Als ähnlich wichtig erweisen sich Berufe wie „Landstreicher“, nicht zu verwechseln mit „Landstreichlern“, oder „Wasserkocher“. Letzterer für jeden Koch, der nicht imstande ist, selbst Wasser zu kochen, geradezu unverzichtbar. Unter den zwölf im Buch vorgestellten, relativ unbekannten Berufen finden sich auch solche, vor deren Ausübung abzuraten ist. Dazu gehört z. B. der Beruf des langweiligen, öden, ja sinnlosen „Schraubenziehers“, aber auch „Korken-“ oder „Strippenzieher“ sind wenig empfehlenswert.

Hubert Schirneck, geübter Gestalter phantastisch-verfremdeter Realitäten und Wortspiel-Liebhaber, wählte für „Der Wolkenkratzer schwingt die Bürste“ tatsächliche bzw. gleichnishafte Bedeutungen zusammengesetzter Substantive, nahm diese wortwörtlich bzw. erkundete spielerisch deren scheinbar „wahren“ Wortsinn. Dabei setzte er darauf, dass es der Leser besser weiß, aber sich gerne auf das vergnüglich-lustvolle Spiel einlässt. Der Leser taucht jedoch nicht nur in eine wunderbar absurde Sprach-, sondern als Betrachter auch in eine beziehungsreiche Bilderwelt ein. Ina Hattenhauers Illustrationen der „Berufsgruppen“ in ihrem Alltag greifen den Spaß und sehr feinen Humor Schirnecks auf. Sie integrierte in ihre Bilder u. a. auch die ursprüngliche Bedeutung der Begriffe: Beispielsweise trägt der staatlich geprüfte Zitronenfalter ein Hemd mit gelben Schmetterlingen oder der Mitesser sitzt vor einem Teller Spaghetti mit Tomatensoße, wobei dieses Gericht sehr an einen Gesichtspickel erinnert. Über Gesagtes und Gemeintes hinausgehen Illustrationen, wie z. B. das Wolkenbild, wo Hattenhauer neben bürsteschwingenden Wolkenkratzern zeigt, wie es im Siebten Himmel „wirklich“ aussieht.

Das Buch lädt in Text und Bild dazu ein, Sprache auf ihrer Spur zu folgen, doppelte Bedeutungen aufzuspüren, selbst doppeldeutige Wörter zu erfinden oder /und diese bildlich umzusetzen. Hilfreich dabei ist mehrmaliges Ansehen und Lesen! Die das Buch abschließende Lese- und Betrachtungssituation von Vater und Tochter könnte die Frage aufwerfen: Welchen Beruf hat wohl der Vater?

Eva-Maria Radoy