Cover: Hilde Kvalvaag, Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetzt

Die sommerlich-blumige Umschlaggestaltung täuscht über die düstere Grundstimmung des Romans hinweg, der Unsicherheiten und Schwächen eines Teenagers ausleuchtet. Erzählerin Johanne verbringt den Sommer – wie jedes Jahr – in einem kleinen Ort am Meer bei den Großeltern. Diesmal hat sie dort einen Job: Aushilfskraft im Dorfladen. Zwar ist sie enttäuscht darüber, dass die ältere Schwester nicht dabei ist, erhofft aber im Gegenzug die volle Aufmerksamkeit ihres Schwarms Are. Doch Are hat eine Affäre mit Johannes Nachbarin Beate. Als sich Ares Bruder Mathias um Johannes Zuneigung bemüht, genießt sie das Zusammensein mit ihm und seine Fürsorge. Da sich jedoch Beate und Are über die Beziehung lustig machen, empfindet auch Johanne schon bald den eigenwilligen, einzelgängerischen Mathias als Sonderling und fühlt sich sogar von ihm bedroht. Dann verschwinden gleichzeitig die Schwester in Oslo, die offenbar von Zuhause abgehauen ist, und der zurückgewiesene Mathias. Letzterer in den Bergen. Beides belastet Johanne. Sie schmerzt die Entfremdung von der Schwester und befürchtet, von den Dorfbewohnern für Mathias‘ Verschwinden verantwortlich gemacht zu werden. Am Ende tauchen beide wieder auf, aber Johannes scheinbar ewiges „Sommerparadies“ ist dahin.

Stilistisch überzeugt Johannes emotional aufgeladene Gefühlsmetaphorik (z. B. ein über einen Schotterweg geschleiftes Herz), da sie die Denkweise der Ich-Erzählerin originell wiedergibt. Dazu passen auch die gleichnishaften Natur-Motive (Fledermäuse, Marder, Pferde, Felshänge), welche Johanne mit „Unheil“ assoziiert. Mathias dagegen relativiert diese Denkweise und nähert sich Erscheinungen und Entwicklungen eher rational an. Wer von beiden „recht“ hat, muss der Leser entscheiden, so wie sich der gesamte Text bewusst einer rein identifikatorischen Lesart entzieht. Die Autorin gestaltet mittels eines überzeugenden Sprachporträts die Innenperspektive einer Figur, deren Reflexionen und Gefühlsschwankungen nur wenig für die egozentrische Ich-Erzählerin einnehmen. Zu letzterem trägt u. a. bei, dass für Johanne die Wertungen von Anderen zentrale Bedeutung besitzen. Im besten Falle wirkt diese Gestaltungsweise produktiv provozierend, so dass Johannes Wahrnehmungen und Verhalten kritisch in Frage gestellt werden könnten. Was der Protagonistin kaum gelingt, gelänge dann den Lesern. Um die Protagonistin einzuführen, könnte – analog zur Eingangsszene (Johanne auf Drehstuhl) – ein Drehstuhl dienen. Welche Assoziationen haben die Veranstaltungsteilnehmer beim Anblick einer um sich selbst kreisenden Person?

Sarah van der Heusen