Cover: Hermann Schulz, Die Reise nach Ägypten

„Jedes Kind ist ein Edelstein“, sagt Schwester Salvadora, rechte Hand von Dr. Silva, Leiter eines besonderen Kinderkrankenhauses in Managua. „La Mascota“ (Die Glücksbringerin) wurde von Silva für Armenkinder gegründet. Eines davon ist der 6-jährige Filemón, der unerwartet davor sitzt. Trotz Medikamenten und Zuwendung bessert sich sein Zustand nicht. Jeden Heiligabend erzählt Silva „seinen Kindern“ die Weihnachtsgeschichte, aber „ohne feierlichen Klimbim“: Maria ist normal schwanger, der Stern eine große Lampe wie im Fußballstadion und neben dem Ochs` steht ein Kamel. Nach dem Verteilen kleiner Geschenke will der Arzt nach Hause zu seinen Gästen, aber Filemón bittet sein Geschenk gegen eine Fahrkarte nach Ägypten zu tauschen. Silva habe doch erzählt, dort sei „unter Strafe verboten, Kindern etwas Böses zu tun“. Und Silva fährt mit ihm los. Auf der Reise erfährt er, wie Filemón auf der Straße mit Scheibenwaschen überlebte. Später, beim Weihnachtsessen, fragen die Gäste, wo sie denn gesteckt hätten und Filemón antwortet: „In Ägypten – und wir sind noch unterwegs. Der König hat extra für mich ein Feuer angezündet! Wegen des Essens hier! Und weil ich erwartet wurde!“ Schlafen darf Filemón in „Ägypten“ neben Silva und seiner Frau. Danach geht es ihm etwas besser.

Schulz setzt mit dieser schlichten, berührend-humorvollen Erzählung einem Freund, Arzt und Dichter ein angemessenes Denkmal. Humor blitzt besonders da auf, wo die Kinder Silva ob seiner biblischen Irrtümer lautstark korrigieren bzw. ihre Erfahrungen einbringen. So wie der polnische Arzt und Pädagoge Janusz Korczak wusste „Was ein Kind braucht“, weiß es Silva auch: Hoffnung! „Sonst können wir unseren Beruf an den Nagel hängen“, sagt er zu Salvadora, die der Illustrator mit Engelsflügeln ausstattet. Krejtschis Bilder, wie auf braune Packpapierreste gemalt, stützen den Eindruck von Mangel. Sein Silva ist ein gebückt gehender, sorgenvoller Mann, nicht der launige Erzähler, der die heiligen drei Könige mit Osterhasen verwechselt, wobei diese sehr wohl illustriert sind. Inhaltlich wechselt Krejtschi zwischen Krankenhaus- bzw. Reiseszenen und biblischer Weihnachtsgeschichte. Letztere ironisiert er z. T. ebenfalls, stellt aber auch aktuelle Flucht-Bezüge her: Maria, Josef und Kind verbergen sich hinter einem Felsen vor marschierenden Soldaten, deren Köpfe nicht zu sehen sind. Das Gute an Geschichten ist, das jeder daraus nimmt, was er braucht. So auch Schulz, Dr. Silva, Filemón, Krejtschi. Alle treffen auf ihre Weise den Kern der alten Weihnachtsgeschichte, Gott sei Dank „ohne feierlichen Klimbim“.

Claudia Rouvel