Genial! In die Vergangenheit reisen, Fehler korrigieren, den „richtigen“ Weg einschlagen … Allerdings muss etwas Lebenszeit vergangen sein, um das Phänomen „Zeit“ erfassen zu können. „Rückwärtsland“ liefert dazu viele Impulse. Präsentiert werden auf je ein bis zwei Seiten 16 Situationen und Geschehnisse, die aufgrund ihrer vom Ende her erzählten Abläufe mit z. T. verblüffenden Pointen aufwarten. Inhaltlich geht es u. a. um Alltag, Geschichte, Natur oder auch Biografisches (Fotoalbum) … So werden beim Fußballspiel „Tore (…), ungelogen, vom Ergebnis abgezogen. (…) Null zu null steht es am Schluss, heimwärts fährt man dann im Bus.“ Oder ein neues Auto wird vom Schrottplatz geholt und am Ende „(…) ins Schaufenster gestellt, und der Besitzer kriegt viel Geld.“ Meist werden die komprimierten Reimtexte durch die Bilder konterkariert. Wie beim Mittagessen, wenn sich der Sonntagsbraten in ein lebendiges Schwein rückverwandelt.

Nicht nur die Text-Bild-Spannung ist überaus anregend, auch die Vierzeiler allein bieten Spielräume für Assoziationen, sodass Witz und Ernst einander überlagern und Lachen in Nachdenken übergeht. Weil die Unumkehrbarkeit von Vergangenem so klar ist, fasziniert dieses Spielen mit „Zeit“, zumal die Reim„form“ scheinbar althergebrachte Festigkeit vermittelt: „Regen steigt hinauf in Wolken, Bäche fließen hier bergan, und der Strom aus uns‘ren Häusern treibt die Windkrafträder an.“

Die Illustrationen bestehen aus Comics in Form von Panels oder ganzseitigen Bildern. Dabei entsprechen die vom Künstler verwendeten expressiven Farben dem jeweiligen Sujet: wenige dunkle Farben nutzt er für Krieg, einen Unfall oder das Fotoalbum, viele leuchtende Farben für Alltagsthemen, wobei die Menge der Farbkombinationen überrascht. Für alle Bilderbücher Wagenbreths charakteristisch sind die holzschnittartigen, kantigen Formen und deren kräftige schwarze Konturen. Diese Gestaltung stellt durchaus Sehgewohnheiten in Frage, so wie das ganze Buch Denkgewohnheiten. Ist es  z. B. denkbar, einen Moment als zeitlichen Verlauf abzubilden? Wagenbreth gelingt es durch die gekonnte Verwendung von Bewegungsstrichen …

Um sich im „Rückwärtsland“ zu orientieren, macht man am besten kleine  (Vermittlungs)Schritte. Das „Vokabular“ auf S. 6 + 7 (OTUA, DNUH, ESSAT…) samt beigefügten Bildern weist dafür den Weg. Voneinander separiert, ließen sich Wörter und Bilder einander zuordnen und führten so auf spielerische Weise in Wagenbreths Verkehrte-Welt-Bilderbuch ein. Weitergehend könnten eigene Fotoalben dazu dienen, gelebtes Leben rückwärts zu betrachten. Denn: Was wäre, wenn …? Spaß, Nachdenken und Weiterspinnen sind keine Grenzen gesetzt. Für Kinder ab 8 und für alle anderen!

(Der Rote Elefant 39, 2021)

Marion Rodenwald