Cover: Heinrich Heine; Der arme Peter

Stücke bestimmter Autoren stehen alle Jahre wieder auf Theaterspielplänen. Mit gleicher Regelmäßigkeit erscheint im Roten Elefanten eine Rezension zu einem von Peter Schössow gestalteten Bilderbuch. Der entsprechende Rezensent wird nicht müde, das Werk des Hamburger Illustrators zu loben, dem es immer wieder gelingt, zu amüsieren, zu berühren, zu überraschen ‒ kurz: zu begeistern. Diesmal für die Welt des Theaters.

Das große Format des Buches (32 x 29,2 x) gibt Schössows Bilderbuchbühne viel Raum. Darauf wird „Der arme Peter“ von Heinrich Heine gegeben. Überraschend, denn die Vorlage ist ein frühes, nicht sehr bekanntes, Gedicht (1822), kein Theaterstück. Wie Heine auf seine unverwechselbare Weise von unerfüllter Liebe erzählt, amüsiert und berührt. Es ist die traurige Geschichte von Peter, der in Grete verliebt ist, die jedoch den Hans nimmt, so dass Peter langsam an Liebeskummer zerbricht. Nicht gerade ein Gedicht für Kinder, aber da die erste Liebe manchmal sehr früh aufflammt und Gegenliebe stets unsicher ist, kann es nicht schaden, Kindern drohende Gefahren beizeiten vorzuführen. Die Zeitlosigkeit des Themas setzt Schössow auf raffinierte Weise um. Der Blick wechselt zwischen Bühnengeschehen und Zuschauerraum, so dass der Betrachter nicht nur Zeuge von Gretes Glück und Peters Unglück wird, sondern auch beobachten kann, wie das Publikum auf die Geschichte reagiert. Und nicht nur das: Bestimmte Figuren im Publikum wechseln ihren Sitzplatz oder interagieren miteinander, was zum Zurückblättern animiert. Letzteres denkt Schössow von Anfang an mit, denn nachdem eine Kindergruppe das Theater betreten hat, gewährt er dem Betrachter einen Einblick in die Garderobe. Deutlich wird: Nicht alle Personen vor dem Theater gehören zum Publikum. Wer ist hier Schauspieler, wer Zuschauer? Diese „Sozialstudien“, die bereits auf den ersten Doppelseiten begannen, enden auf der letzten Doppelseite beim Verlassen des Theaters, wo sich neue „Beziehungen“ ergeben haben.

Neben letzterem Thema, das Kinder natürlich brennend interessiert, gibt das Buch viele Einblicke in Theatervorgänge nebst Zeitbilder-Zitaten des frühen 19. Jahrhunderts. Kostüme und Kulissen sind nah an historische Darstellungen angelehnt, die Doppelseite mit dem armen, auf einem Felsen weinenden Peter erinnert an Gemälde Caspar David Friedrichs. Den armen Peter selbst macht Schössow zum romantischen Künstler, der ‒ wie es sich gehört ‒ an Sehnsucht und Liebe zu Grunde geht. Dagegen setzt Schössow die ganz heutigen Kinder mit Handy und Skateboard und versteckt in den wie gewohnt eindrucksvollen digitalen Bildern eigene Figuren früherer Publikationen und Abbildungen berühmter Comic-Helden (Krazy Kat, die Peanuts, Little Nemo), was den Schössow-Kenner und Comic-Freund beglückt. Nur die zunehmende Entindividualisierung seiner Figuren und deren ausgeprägten Zähne verwundern im Vergleich zu früheren Büchern.

Frank Kurt Schulz