Cover: Hayfa Al Mansour, Das Mädchen Wadjda

Tugenden wie „Demut, Stille und ein Leben, in dem niemand etwas über sie weiß oder … redet“ sollen das Dasein der 11-jährigen Wadjda bestimmen. Doch Wadjda, deren Name laut Autorin „Sehnsucht und Verlangen“ bedeutet, will so nicht leben. Sie sieht, wie die Mutter, die keine Kinder mehr gebären kann, darunter leidet, dass der Vater sich eine Zweitfrau für männliche Nachkommen zulegt. Und sie spürt die Doppelmoral von Mitschülerinnen oder der Lehrerin, die sich öffentlich islamgemäß gebotstreu geben, aber hinter verschlossenen Türen Reizwäsche anziehen, Nägel lackieren oder Popmusik hören. Wadjdas größter Wunsch ist ein Fahrrad. Aber wie das grüne Traumrad bezahlen, mit dem sie gegen ihren besten Freund Abdullah Rennen fahren will? Wadjda beginnt, Musikkassetten und Armbänder an Mitschülerinnen zu verkaufen, aber der Handel fliegt auf. Jetzt tritt sie dem Religionsclub bei, um das Preisgeld beim Koranwettbewerb zu gewinnen …

Filmfans kennen die liebenswerte Rebellin Wadjda bereits aus dem Debüt der ersten saudi-arabischen Regisseurin Hayfa Al Mansour. Ihr 2012 entstandener Film wurde weltweit als Sensation gefeiert, erhielt wichtige Preise und führte 2013 sogar zur Lockerung des Fahrradverbots für Frauen. Nun hat Al Mansour darauf basierend ihr erstes Buch geschrieben. Auch darin erzählt sie, nah an die Perspektive ihrer neugierigen, gewitzten und lebensfrohen Heldin gebunden, von einer Gesellschaft zwischen islamistischem Fundamentalismus und Moderne, wobei sie im Buch Unterdrückung, Ausgrenzung, aber auch List und Widerstand von Frauen noch intensiver thematisiert. Da, wo sich für junge Leser, die wenig über Traditionen, religiöse Praktiken und Alltag in arabischen Gesellschaften wissen, metaphorische Aussagen von Filmszenen nur z. T. in ihrer ganzen Dimension erschließen, z. B. wenn Wadjda beim Absingen religiöser Lieder – anders als ihre eifernden Mitschülerinnen – total gelangweilt umherblickt, setzt die Autorin nach. Über Wadjdas direkte, aufmüpfige Art, den kriegstreibenden Liedinhalt und das Verhalten der anderen assoziativ-komisch zu kommentieren, verstärkt sie das politische Verständnis der Szene. Nicht übersetzte kursiv gesetzte arabische Begriffe, genutzt als verfremdendes Stilmittel, werden in einem Glossar erklärt. Da Deutschland längst ein Einwanderungsland ist, sind Kinder und Jugendliche vielfach mit der in Film und Buch gestalteten „fremden“ Kultur konfrontiert, nicht zuletzt durch Mitschüler, Nachbarn oder Flüchtlingsheime. Film und Buch sollten dazu genutzt werden, miteinander zu reden: über einen respekt- und verständnisvollen Umgang miteinander, aber auch über ästhetische Mittel von Film und Buch und deren jeweils „andere“ Wirkungen.

Rebecca Rogowski