Jedes Jahr kommen hunderte neuer Titel auf den Bilderbuchmarkt. Da ist manch Gutes dabei, auf vieles könnte man aber durchaus verzichten. Zumal viele Titel schnell nicht mehr lieferbar sind, die es verdient hätten, den Bilderbuchmarkt zu bereichern. Der Hanser Verlag hat sich nun entschlossen, Harry Rowohlts intelligent-schwarzhumorigen und Peter Schössows frühmeisterlichen „Kater Robinson“ neu aufzulegen – und hat gut daran getan.

Eine bekannte Geschichte: Gaby bekommt ein Kätzchen („Katerchen, wenn schon, denn schon, denkt ICH“). Die erste Freude ist groß – für das Kind, nicht für das Tier! – aber zu den Urlaubsplänen passt so ein Haustier dann doch nicht. Ab in die Tierpension, dort kommt es zur Revolte („Frei ist der Bursch! Stoßt an! Eisenach lebe!“) und Kater Robinson streift durch die noch gänzlich ungentrifizierte Stadt Hamburg. Viele Gefahren lauern und einige Schmerzen müssen ertragen werden, bis ICH endlich ein DU findet.

Rowohlts Text widersetzt sich – natürlich – gefälligen Bilderbuchtexten, das macht ihn so ungemein amüsant und vielschichtig. Warum nicht bei Nachfragen erläutern, dass es eine Zeit gab, in der Menschen in Deutschland Freiheitslieder sangen, dass es in Großstädten wie Hamburg rau zugeht und Hungermond und Hungersonne nicht nur für Straßenkatzen auf- und untergehen? Besonders gelungen ist die Interaktion zwischen Text und Bild, wenn sich Robinson z. B. an zwei Eier erinnert, die einige Seiten zuvor zu sehen waren, ohne dass sie im Text eine Rolle spielten. Die Illustrationen des Hamburgers Schössow, noch weit entfernt von seiner digitalen Bildkunst, zeigen die schmutzigen Seiten einer Großstadt: teilweise düsterkalt und gleichzeitig herzerwärmend.

Bilder und Figuren offenbaren eine Realität, die denkenden, ja philosophierenden Katzentieren und Tierliebhabern zu schaffen macht. Aber stets sind sie voller witziger Bildideen (Nachtfahrt im Spielzeugzug, Möwe mit Konservendosenkragen), Zitate der Populärkultur (Donald Duck, Winnie-the-Pooh, Krazy Kat) und stimmiger Stadtansichten. Da liebt einer seine Stadt und seine Figuren! Und dem Betrachter geht es schnell genauso.

Ein zeitloses Buch, das auch bei seiner Ersterscheinung 1988 bereits im Roten Elefanten mit einem kurzen Text empfohlen wurde.

Frank Kurt Schulz